„Danke für Ihr Geld. Und jetzt raus!“ Die peinliche Prometheus Games Krise und vom generellen Umgang mit Crowdfunding-Kunden

Als sich Anfang März die Wut der Crowdfunding-Unterstützer mehrerer Prometheus Games Produkte dergestalt entlud, dass der umstrittene Verlag die Notbremse ziehen musste und auch einige Blogs (beispielsweise hier und hier) auf die Sache aufmerksam wurden, da juckte es mich gewaltig, als Savage Worlds Fan und Crowdfundingfreund mit einem Hang zum Krawallschlagen, hier, an dieser Stelle, ein bis zwei flame-gefüllte Schachtelsätze zu formulieren, um den Prometheus-Leuten ein paar verbale Dellen in den Spartiatenhelm zu kloppen.
Doch ich sagte mir: Warte mal ab. Vielleicht wird es ja noch „lustiger“.
Und, was soll ich sagen… Na ja… Seufz… Das wurde es.

Prometheus Games vollführt weiterhin eine PR-Fail-Achterbahnfahrt, bei der man sich sogar als Unbeteiligter am eiligst herbeigeholten Popcorn verschluckt. Mittlerweile ist man laut Facebookbeiträgen von Betroffenen dazu übergegangen, die quengelnden Unterstützer, die zigtausende Euros in ihre Verlagsprodukte gesteckt haben, aus dem Forum zu schmeißen. Das „Verbrechen“ der nervigen Missetäter: Sie machen darauf aufmerksam, dass sie bereits vor Jahren für etwas bezahlt haben, was immer noch nichtmal ansatzweise in Sicht ist. Natürlich wurden insbesondere jene Querulanten „entsorgt“, die mit exakten Timelines und Zitaten der Verlagsverantwortlichen entsprechenden Druck in der Community erzeugten.

Noch weniger als vorher scheint Prometheus Wörter wie Zuverlässigkeit, Einsicht, Serviceorientiertheit und Termintreue zu kennen. Anfang Mai kündigten sie beispielsweise in den Kommentaren eines nichtssagenden Updates ein Statement an, das Ende der Woche (also spätestens am 7. Mai) erscheinen sollte und konkret auf Fragen von Fans und Unterstützern der Dresden Files eingehen sollte. Bis heute erschien – wie zu erwarten war – nichts.

PG FB

Das bislang letzte Statement zu den Dresden Files. An den Vertröstungen und Versprechungen hat sich auch nach dem selbstkritischen März-Statement nichts geändert. Nur ein Beispiel dafür, was Unterstützer, die viel Geld bezahlt haben, gerade durchmachen müssen.

Die „Updates“ von PG sind allesamt so angelegt, dass in wortreichen Erklärungen quasi nichts gesagt wird, sondern nur, wie fleißig man sei und wie super das alles wird. Ein Facebook-User meinte sinngemäß, dass es dem Hungernden nicht hilft, wenn man ihm Bilder vom Essen zeigt. Hat er Recht, wie ich finde. 😉 Es wäre jetzt müßig, all die Unwahrheiten, Vertröstungen und Ablenkungen aufzuzählen, die der Verlag in den letzten Wochen, Monaten und Jahren so von sich gegeben hat. Und auch die harten, nackten Zahlen, die dem Verlag ein Armutszeugnis ausstellen, haben andere bereits ins Web gestellt.  Die Tatsache, dass man gegenüber Fans und Unterstützern mit verschiedenen „Abteilungen“ im Haus argumentiert und ständig „zuständige Mitarbeiter“ vorschiebt, die gerade krank, im Urlaub oder „verschwunden“ (sic!) sind, ist umso lächerlicher, wenn man weiß, dass der Verlag noch nichtmal verhehlt, dass er aus weniger als ner handvoll Personen besteht. Besonders kurios: Man hat sich u.a. eingestanden, dass die Kommunikation suboptimal war und dass man sich bessern wolle. (Lustig: Das haben sie schonmal gesagt, wie hier von Arkanil dokumentiert wurde. Damals (2015) war Elyrion bereits extrem spät dran, sollte es doch Weihnachten 2014 erscheinen. Guess what: Die armen Elyrion-Fans warten immer noch…)
Man sieht also: Statt größtmögliche Transparenz und Kundennähe zu beweisen, wurde die Kommentarfunktion auf der PG-Seite deaktiviert und unliebsame Forenuser rausgeschmissen. Gilt übrigens auch für Unterstützer, die sich auf der Facebookseite von PG kritisch äußern.
Um mal einen Eindruck zu bekommen, wie sich die Crowdfunding Unterstützer fühlen müssen, erhält man in dieser netten Chronologie des Scheiterns zum Dresden Files Crowdfunding recht interessante Einblicke. Und, wie gesagt: Dresden Files ist im Vergleich zu Elyrion noch ein Kindergeburtstag…

Wieso lernt man nicht daraus? Wieso werden die eigenen Kunden dämonisiert? Wieso kriegen das andere Verlage alles viel viel besser hin? Und wieso kann man nicht mal offene und ehrliche PR machen? Ständig liest man Posts von PG, worin sinngemäß steht: „Ja, wir haben Fehler gemacht und ja, es wird alles besser, aber nein, wir konnten da überhaupt nichts dafür, das war die Druckerei, der Autor, der Kollege, der gerade im Urlaub ist und die Katze hat die Hausaufgaben gefressen, und überhaupt: nun werd mal hier nicht unhöflich, sonst kriegst du gar nix!“ Stattdessen wird weiterhin alles schöngeredet. Hält man (ausgerechnet!) die Rollenspielszene für so doof? Man muss doch wissen, dass man da (im besten Sinne) wortgewandten, gebildeten, kreativen und bisweilen recht aktionistischen Leuten gegenüber sitzt und mit entsprechend Gegenwind zu rechnen ist, wenn man derlei Sprechblasen und Nullinfos absondert. Es gibt umgekehrt aber auch kaum eine Community, die erfahrungsgemäß so schnell „Schwamm drüber!“ sagt, wie die überaus sozial kompetente Rollenspielgemeinde. Aber dann muss man aufhören, ihr immer wieder ne Karotte vorzuhalten.

Wie kommt es generell dazu, dass sich sowohl kleinere als auch größere Anbieter gerne mal an Crowdfundings verheben? Prometheus mag das Sahnetopping auf dem Kuchen sein, aber auch in anderen Bereichen fühlt man sich als Unterstützer (also de facto Mit-Produzent und Kunde zugleich) nicht immer wonnigwohl. Mittlerweile gibt es ja sogar schon einen gewissen „Katastrophentourismus“ im Netz, über gescheiterte Kickstarter-Projekte oder Anbieter, die sich mit der Kohle aus dem Staub gemacht haben. Noch immer ist das Konzept des Crowdfundings recht neu und nicht so leicht zu überschauen. Doch selbst wenn alles prima läuft, muss im Nachklang nicht immer alles mit der selben Begeisterung weiter geführt werden, mit der ein Projekt begann.

Oder auch mal überhaupt nicht. So fühle ich mich ganz persönlich von der Kommunikationspolitik beim Ulisses Crowdfunding ein wenig veräppelt. Gerne habe ich die Vampire V20 unterstützt. Mehrere Nachfragen im Nachgang, sowohl per Mail als auch zuletzt im Forum, bei denen ich einfach nur wissen wollte, ob die weiteren V20-Bände auch noch übersetzt werden, wurden in bester Prometheus-Manier einfach ignoriert. Dabei hatte ich keineswegs die Hasskappe auf, die viele PG-Unterstützer heutzutage (mit Recht!) tragen, sondern wollte dem heimischen Verlag einfach etwas Gutes tun. Bevor ich mir die Originalbände bestelle (die ich sowieso schon per Drive Thru als PDF habe), möchte ich gerne erfahren, ob ich lieber auf deutschsprachige Hardcoverbände warten sollte, um einen hiesigen Verlag zu unterstützen, bevor ich den Lizenzgeber in Übersee bezahle und meine Bücher über den Atlantik schippern müssen. Wenn man mir sagen würde: „Ja, kommt. Aber erst in drei Jahren.“, dann wäre mir selbst das die Wartezeit wert. Statt dessen wedele ich öffentlich mit Geld, aber man will es nicht. Im Fall von Ulisses ist also nicht etwa die Durchführung des Projekts zu bemängeln, sondern eher die „Nachbetreuung“. Und wenn es nur eine freundliche kleine Zeile wäre, wo der betreffende Redakteur sagt: „Sorry, ich weiß es absolut nicht. Freut mich, dass du auf unser Produkt wartest und uns unterstützen möchtest, aber ich hab wirklich keine Ahnung, ob das klappt.“ Damit wäre ich absolut zufrieden und könnte im Zweifelsfall das Originalexemplar bestellen.

Nicht einmal in der Games- oder Film-Branche werden veröffentlichte Titel redaktionell und PR-technisch so mies (nämlich gar nicht) weiter betreut. Unverständlich gerade deshalb, weil man nicht den exorbitanten Erfolg eines Crowdfundings zum Anlass nimmt, an dieser Stelle weiter zu machen oder weitere Fans zu gewinnen. Als bislang einziges Projekt erreichte die Vampire V20 eine sechsstellige Finanzierungssumme beim Ulisses Crowdfunding. Die Nachfrage war und ist also offensichtlich gigantisch. Wieso lässt man Kunden so im Dunkeln tappen, über die Fortführung der Reihe? Wieso gibt es seit Februar 2016 kein Statusupdate mehr? Als Kellner fragt man doch auch, ob dem Gast das Essen geschmeckt hat, oder? Vielleicht gibt es ja Anregungen, Ideen oder einfach der Wunsch nach einem Dessert, wie in meinem Fall. Wieso lässt man einen so großen Haufen Geld liegen?

Freilich liegen zwischen den Crowdfunding-„Problemen“ von PG und Ulisses Welten. Daher auch keinen Vorwurf, an den sympathischen Verlag aus Waldems, denn das ist individuelles Jammern auf hohem Niveau. Dennoch möchte ich, um die Überschrift aufzugreifen, einmal am plastischen Beispiel darstellen, wie es dazu kommen kann, dass sich Kunden „komisch“ behandelt fühlen:

Crowdfunding bei Ulisses:
In den Laden gegangen, Geld auf den Tisch gelegt, einwandfreie Ware nach kurzer Wartezeit erhalten, gefragt, ob man zukünftig noch mehr kaufen kann und in die versteinerte Miene des Verkäufers geblickt. Minutenlanges, eisiges Schweigen. Schulterzuckend rausgegangen und über die Ware gefreut, aber etwas verwirrt vom seltsamen Verkäufer. Wenn es doch mal wieder was schönes geben sollte, bin ich trotzdem dabei! 

Crowdfunding bei Prometheus Games:
In den Laden gegangen, Geld auf den Tisch gelegt. Verkäufer sagt: „Danke. Kommt.“ 
Ein Jahr später zurückgekehrt. Käufer fragt: „Und?“ Verkäufer sagt: „Kommt.“
Ein Jahr später zurückgekehrt. Käufer fragt: „Und?“ Verkäufer sagt: „Kommt.“ 
Ein weiteres Jahr später zurückgekehrt. Käufer fragt: „Und?“ Verkäufer sagt: „Raus! Hausverbot!“ 

Als persönliche Lehre aus der Sache ziehe ich, dass ich lieber ignoriert werde, nachdem ich meine Ware habe und der Verlag einfach kein weiteres Geld von mir will, als dass ich jahrelang hingehalten und verschaukelt werde und dann auch noch einen Maulkorb bekomme, weil den Verlagsmenschen bei Prometheus Games die Wahrheit nicht gefällt. Als Lehre aus der Sache ziehe ich auch, dass ich aus voller Solidarität mit den aberhunderten Hobbyfreunden, die von PG geärgert wurden werden, kein Produkt aus dem Hause Prometheus mehr erwerben möchte. Das schöne ist ja heutzutage, dass man jederzeit zum Originalexemplar greifen kann. Und wenn die Gerüchte stimmen, wonach PG die Savage Worlds Lizenz entzogen (bzw. diese nicht verlängert) wurde, weiß ich, dass ich bei meinem Lieblingsregelsystem jetzt zumindest Planungssicherheit habe. 😉

Was meint ihr? Ist Crowdfunding immer noch ein Glücksspiel für die Unterstützer? Oder sind die fertigen, druckfrischen Exemplare alle Strapazen wert, wenn man sie erstmal in Händen hält?

Update, 12.05.17, 13:15:

Auf der Facebookseite von Teilzeitheldenchef Roger Lewin haben sich nun auch Autor*innen zu Wort gemeldet, die kleine Einblicke in die „andere Seite“ geben, nämlich die der von Prometheus Games „Beauftragten“, denen man ja seitens PG gerne mal die Schuld an diesem und jenem in die Schuhe schiebt. So schreibt Anja Bagus, Mitautorin der Anthologie Blutroter Stahl, dass die Auflage für genanntes Werk angeblich nur 70 Exemplare betrug und die Autor*innen keine Belegexemplare von PG erhielten. Eine Abrechnung habe es ebenfalls nie gegeben. Mitautor und selbst Ex-Unterstützer des Crowdfundings, André Skora, berichtet, dass er seine Crowdfunding-Summe erst nach langem hin und her zurückerhalten habe. Selbst für jemand, der also bereits vom Verlag publiziert wurde, wurde die Rückforderung zu einem Spießrutenlauf. Wie Greifenklaue als Herausgeber von Blutroter Stahl in den Kommentaren mitteilte, haben die Autoren ihr Belegexemplar von Greifenklaue erhalten, so dass keiner leer ausging.

Roger Lewin wusste darüber hinaus zu berichten, dass Prometheus nicht zur RPC kommen wird und Presseanfragen diesbezüglich ignoriert.

In einem anderen Thread wies ein Crowdfunding Unterstützer darauf hin, dass sich Verlagschef Christian Loewenthal seit Ende März nicht mehr im verlagseigenen Forum hat blicken lassen, was sich beim Klick aufs Aktivitätenprofil schnell ermitteln lässt. Ein Thread, der zum Sammeln von Fragen bzgl. des Crowdfundings gedacht war, wurde dort wenige Tage zuvor geschlossen. Auf die Antwort der Fragen warten die Unterstützer nun in der sechsten Woche. Der Verlagschef hat sich den ganzen April und bisherigen Mai über nicht im Forum geäußert. André Skora meinte auf Facebook, dass Herr Loewenthal wieder im Urlaub sei. In einer persönlichen Mitteilung meinte ein sehr aufgebrachter und mitteilungsbedürftiger weiterer Autor und Crowdfunding Unterstützer, der nicht genannt werden möchte, dass die Verlagsprobleme wohl auf private Dinge zurückgingen, die Herr Loewenthal in seinem privaten Blog im Dezember letzten Jahres auch angeteasert habe. Auch hier gibt es seither keinen Blogpost mehr. Der anonyme Autor teilte mir auch mit, dass Prometheus Games sich seiner Einschätzung nach über die Jahre völlig übernommen habe. Der Verlag sei de facto nie mehr gewesen als ein Büro und ein Lager in einem Einfamilienhaus in einem Vorort. (Anm.: Die Aussage habe ich geprüft und das ist korrekt. Verlagssitz ist laut Impressum die Kolberger Straße 1 in Duisburg, Google Street View zeigt ein Wohnhaus.) Immer wenn Herr Loewenthal auf den „Kundenservice“ (wie hier) oder andere „Abteilungen“ verweist, meine er im Grunde sich selbst. Dabei ist er ganz offen, wenn er sich als „Kleinverleger“ bezeichnet, der zu Beginn (vor ca. 10 Jahren) keine Ahnung vom Verlagsgeschäft hatte und das auch zugibt („Als wir mit Prometheus Games angefangen haben, wussten wir nichts. Wirklich. Gar nichts!“).

Ich schließe mich Roger Lewin an, wenn er in dem Kommentar unten sagt, er wolle niemandem etwas böses. Ich habe aber schon einige Unternehmen erlebt (teils als Angestellter) und erkenne hier die selben dunklen Zeichen. Die Kommunikation wird ganz weit zurückfahren, kein Geld wird mehr rausgerückt und wenn, dann nur ggü. dem, der am lautesten schimpft und wo niemand mehr erreichbar ist und reagiert, nichtmal auf Anfragen der Fachpresse, wie es jetzt der Fall ist. Dass Feder & Schwert nicht mehr an Bord ist, dass Paypal ne Bonitätsprüfung machte (und zwar nur bei PG, andere Verlagsshops im deutschprachigen Raum haben offensichtlich kein Problem), woraufhin PG beleidigt die Zusammenarbeit mit Paypal beendete, dass Autoren öffentlich wüten, dass der Verlust oder das Auslaufen der Savage Worlds Lizenz halbherzig bzw. gar nicht dementiert wird, dass Leute ihr Geld nicht zurückbekommen und nicht zuletzt: Dass PG erstmals die RPC sausen lässt. Das alles ergibt ein düsteres Gesamtbild.

Update: 12.05.2017, 16:30 Uhr:

Wie ich eben erfahren habe, erlaubt Tanelorn seit gestern abend wieder kritische Kommentare zum PG Crowdfunding. Tanelorn war unter Fans in die Kritik geraten, da sie als Partnerseite von Prometheus fast jegliche Kritik zu PG unterbanden. Selbst als sich die Entwickler von Studio 2 hinter die Crowdfunding Unterstützer stellten, wurde die Meinungen im Tanelorn (wohl auch aus Furcht vor möglichen rechtlichen Konsequenzen) kanalisiert und auf das reine Wiedergeben von Informationen reduziert. Heute morgen stellte Administrator Boba Fett klar, dass Tanelorn auf der PG-Seite noch als Partner gelistet sei; dass die Partnerschaft aber seitens Tanelorn beendet wurde. (Quelle)

Apropos Studio 2: Ein paar Worte zur Einordnung, was es mit Studio 2 auf sich hat. Die führen zur Zeit das englischsprachige Kickstarter für Ratten! (Packs!) durch, im Auftrag von Prometheus. Wie President Jim Searcy im Februar berichtete, wurde Studio 2 lediglich als Name benutzt, um den Kickstarter zu nutzen, da damals noch kein deutsches Unternehmen dort teilnehmen durfte. Da ihm PG als Lizenznehmer von Savage Worlds seriös erschien, hat man zugestimmt seinen Namen für die Kampagne herzugeben. Dennoch wurde alles von Anfang an durch PG betreut.

„Hello All, We understand your frustration with this project completely. We have been ensuring your comments and messages have been getting to the Packs team as well as trying to get more frequent communication from them to you through updates. This project was run by the Packs team from day one and only used the Studio 2 name because at the time a German company could not run a Kickstarter project so we at Studio 2 assisted them. As Prometheus Games is the German publisher/licensee of Savage Worlds/Pinnacle Entertainment we saw very little risk in assisting them. Prometheus Games also is continuing to publish games in German so they are still there and in business so we believe the game will be completed. We are working with every contact we have to try and get the Packs team to provide updates and deliver the products promised. I assure you that since Studio 2 Publishing’s name is on the project we will get the product delivered or issue refunds once we have exhausted all options. I do apologize to all backers for this experience.“ (Quelle)

Im PG-Forum zitierte ein User bereits Ende April Jim Searcy in einem weiteren Kommentar: „We have been trying to get information from them through all channels we have to communicate with them but have had very little success. We have asked Prometheus to either complete and deliver the rewards soon or refund the backers. I apologize for the issues with this campaign.“ Offensichtlich ist PG nicht nur für Kunden und Unterstützer „schwer erreichbar“…

Zur Nichtteilnahme von Prometheus Games an der RPC wusste indessen Roger Lewin auf Facebook zu berichten, dass er die Info von NOVA-Autor Daniel (Scolaris) habe. Davon unabhängig geistert gegenwärtig das Gerücht umher, dass PG deshalb nicht teilnimmt, weil sie mit dem mutmaßlichen Verlust der Savage World Lizenz bei einem Messestand ohne Savage Worlds Produkte auftauchen müssten und damit die Katze aus dem Sack wäre. Andere mutmaßen, dass sie einfach nur den unerfreuten Unterstützern und Pressevertretern aus dem Weg gehen möchten.

Update: 12.05.17, 17:30 Uhr

Hab mir die „Partner“ von PG mal angeschaut.

Exfreundinnen

Quelle: http://www.prometheusgames.de/verlag/community/prometheus-games-demoteam/

Tanelorn hat heut morgen bereits protestiert, dass sie fälschlicherweise als Partner beworben werden. Nun hab ich auch bei Roger Lewin (Teilzeithelden) nachgefragt, bzgl. der angeblichen Partnerschaft mit PG. Dieser wusste gar nichts von einer solchen Partnerschaft. Zitat: „Wir haben Partnerschaften mit keinem Verlag, das widerspricht unserem journalistischem Ideal. Wir verpartnern nur mit Händlern oder anderen Portalen.“
Und ganz unten sieht man noch die Rezensionsempfehlung für „Blutroter Stahl“, mit der man sich schmückt. Die Wahrheit ist, dass die Autoren den Vertrag mit PG erfolgreich aufkündigen konnten und die Rechte nun nicht mehr bei PG liegen. (Quelle)

Update: 13.05.17, 1:30 Uhr:

Teilzeithelden schrieb bereits im März 2017 das folgende: „Aus Quellen, die nicht namentlich genannt werden wollen, haben wir die Nachricht erhalten, dass Prometheus Games die Lizenz an Savage Worlds verloren haben soll und sich in Verhandlung mit Banken  befindet. Mehrere Autoren sollen noch kein Geld für ihre Arbeiten erhalten haben und wollen aus ihren Verträgen.“ (Quelle)

Von anderen anonymen Quellen, die versicherten, nicht mit Teilzeithelden gesprochen zu haben, wurden mir deckungsgleiche Informationen zugespielt, die ich als absolut glaubwürdig erachte. Die Informanten meldeten sich gestern auf meinen Blogpost und konnten – sofern möglich – ihre Identität und ihre Aussagen auch belegen. Die Eckpunkte: Die Lizenz für Savage Worlds soll PG tatsächlich entzogen worden sein. Die Quellen gaben als Motivation für ihre Auskunft an, dass sie sich durch den gestrigen „mutigen Vorstoß“ der „Blutroter Stahl“ Autor*innen Anja Bagus und André Skorus (die erfolgreich aus ihrem Vertrag rausgekommen sind) ermutigt fühlten, diese nicht alleine, oder gar als „Lügner“ dastehen zu lassen. Die anonymen Quellen haben große Angst vor rechtlichen Konsequenzen, kreiden PG aber ihrerseits Vertragsbruch an, so dass sie wenigstens anonym ihrem Frust Gehör verschaffen möchten. Sie bestätigten im Grunde die Aussagen, die das „Blutroter Stahl Team“ machte und ergänzten, dass auch die Info, wonach Prometheus Autor*innen, Lektor*innen oder Übersetzer*innen nur unzureichend oder gar nicht bezahlen wollte oder bezahlen könnte. Die Information der Teilzeithelden, wonach sich PG-Verantwortliche nach „frischen Geld“ umschauen sollen, wurde ebenfalls durch diese Quellen bestätigt.

Edit: Einen weiteren Abschnitt hab ich erstmal umformuliert. Womöglich findet sich noch ein Beteiligter/Betroffener, der sich namentlich exponieren möchte, um näher darauf einzugehen. Quellenschutz ist eine Sache, aber mit Verweis auf Quellenschutz kann man quasi jeden Quatsch raushauen und in den Ruf möchte ich nicht kommen. 😉

Update 13.05.17, 13 Uhr: 

Viele Zuschriften erreichten mich, im Grunde wird vieles von dem wiederholt, was oben bereits beschrieben wird. Bislang wollte sich aber noch keiner namentlich exponieren. Die Quellen verweisen auf Herrn Loewenthals juristische Kenntnisse oder eine Verschwiegenheitserklärung. Daher werde ich jetzt hier nicht jede Mail wiedergeben.

Das Ansinnen des Blogposts war, Schwung in die Sache zu bringen und PG wachzurütteln, nachdem sie nun seit Wochen Verstecken spielen. Das ganze in der Hoffnung, dass die Crowdfunding-Unterstützer bald ihre Produkte erhalten. Ich denke, dass nun ausreichend Schwung drin ist. Gerne könnt ihr unten weiter kommentieren. Hier beende ich erstmal die Updates, bis wirklich berichtenswerte Neuigkeiten eintrudeln. PG soll die Chance bekommen zu reagieren und die Infos (die für letzte Woche versprochen waren) endlich mitzuteilen.

Ich mache jetzt erstmal Urlaub Wochenende. 😉

Edit: Ich möchte kurz darauf hinweisen, dass Kommentare, die einfach nur beleidigend und niederträchtig ggü. Prometheus oder deren Mitarbeitern, aber auch ggü. anderen Personen sind, nicht von mir freigeschaltet werden. Hier geht es nur um die Sache, nicht um persönliche Verwünschungen. Auch offene Mutmaßungen über etwaige Insolvenzen und Co. werden nicht geduldet.
NIEMAND kann ein Interesse daran haben, PG die Insolvenz an den Hals zu wünschen! Das ist nicht nur unter der Gürtellinie; auch würde in dem Fall wohl niemand seine bestellten Produkte bekommen.
Hart aber fair, lautet die Devise. Bleibt anständig. Danke. 😉 

Liebe Grüße
Thorus aka Raphael

Update 14.05.17, 10 Uhr:

Doch noch ein Nachtrag! Michael Mingers (Ulisses) hat sich gemeldet, bzgl. meiner wedelnden Geldscheine für eine weitere Ladung Vampire V20-Bücher. 😉 Sein Kommentar ist irgendwie von WordPress in den Spamordner sortiert worden, tatsächlich hat er sich quasi sofort nach Erscheinen des Blogposts gemeldet. Hier mal im Wortlaut, damit es in den Kommentaren nicht untergeht:

„Wir KÖNNEN halt leider nix zu weiteren WoD-Produkten sagen, da … der Lizenzpartner da etwas wankelmütig ist. Wir würden gerne weitere V20-Bücher oder Dark-Ages bringen, aber wir haben halt keine Gewissheit und können da auch nichts versprechen. Ich dachte, dass wir das immer mal kommuniziert haben. Sorry, wenn dir im Forum nicht geantwortet wurde, aber da wird nicht alles gelesen. Wenn du konkrete Fragen an Ulisses hast, schreibe bitte an feedback@ulisses-spiele.de, da solltest du innerhalb kurzer Zeit eine Antwort erhalten. 🙂“ – Michael Mingers

Danke für die klärenden Worte, Michael! 🙂 Ich warte einfach geduldig weiter, ob wir Nachschub bekommen.
Zur Kommunikation: Es wurde damals tatsächlich (kurz nach Abschluss des Crowdfundings, also vor nem Jahr) gesagt, dass das Ganze noch ungewiss ist. Mir ging es auch eher um ne Wasserstandsmeldung, ob es hier was Neues gibt. Die Lizenz und alles was im Hintergrund mit Onyx, White Wolf und Co. ablief, war damals ja noch sehr im Fluss. Heute, wo auch die Fünfte Edition für Vampire an die Tür klopft und sich im Hintergrund alles beruhigt hat, hätte es ja sein können, dass mittlerweile ne Entscheidung seitens des Lizenzgebers gefallen ist.
Zum Mitlesen im Forum: Ja, das war Teil meiner klitzekleinen Kritik, dass da Mitarbeiter, die in der aktiven Crowdfunding-Phase auch rege mitdiskutiert haben, nach Auslieferung der Produkte nicht mehr reingeguckt haben. 😉 Ist halt schade, wie ich finde. Auch wenn mir bewusst ist, dass man sich mit dem Arbeitseinsatz eher laufenden oder zukünftigen Projekten widmen muss und sollte. Ein Oneliner mit „Sorry, gibt noch nichts neues.“ wäre trotzdem ganz schön gewesen.

Wie wir Lestat die Axt in den Nacken hauen. V20: Gejagte Jäger

Kommen wir zur letzten Rezension im Rahmen der deutschen V20. Und die muss kurz ausfallen, da ich sonst zunächst ins Schwärmen und damit ins Schwafeln komme. Denn die V20 hat ihren heimlichen Höhepunkt. Und der heißt Die Gejagten Jäger II. Der dritte Hintergrundband, der die Crowdfunding-Kampagne abrundete, beschäftigt sich mit den sterblichen Antagonisten der Vampire. Vampirjägern!

Das Buch zählt 184 Seiten und ist damit auch das umfangreichste der drei Zusatzbände. Das Werk beginnt mit einem Einführungskapitel von stolzen 30 Seiten, in denen wir sozusagen Inplay an unsere Rolle als Vampirjäger herangeführt werden. Somit wird gleich die Stoßrichtung von Gejagte Jäger definiert: Denn das Buch ist zunächst aus der Perspektive der Sterblichen und für die Sterblichen verfasst. Als langjähriger Vampire-Spieler fühlt man sich alsbald in der Rolle des prächtig unterhaltenden Voyeurs versetzt, wenn man hier erstmals damit konfrontiert wird, was ein Veteranenjäger dem Nachwuchs über uns Blutsauger zu berichten weiß. Denn vieles von dem, was wir auf den 30 Seiten lesen ist zwar ganz nah dran an der innerweltlichen Realität, vieles zaubert uns aber auch ein breites Grinsen aufs Gesicht, wenn der Alte uns Dinge andichtet, die uns angeblich besonders verletzen sollen oder uns zuwider sind. Verdammt. Hab ich gerade „uns“ gesagt? Ja. Denn wir ertappen uns tatsächlich dabei, wie wir uns ein Stück weit in unsere vertraute Vampirrolle hineinversetzen und plötzlich mit Denkfehlern konfrontiert werden – oder von unserer eigenen Arroganz gegenüber den Menschen überrascht sind. Das ganze funktioniert HERRLICH – ein wundervoller und faszinierender Ansatz, um ein solches Werk einzuleiten; man kann es kaum weglegen.

Die Folgekapitel dienen u.a. der Charaktererschaffung eines Jägers, nicht ohne eine Menge Plotaufhänger einzubauen oder in kurzen Exkursen Verhalten, Motivation und Vorgehensweisen zu erläutern. Sogar auf digitale Fußabdrücke, Teamwork und das Erstellen eines Jägergruppencodex‘ geht man ein; denn schließlich kann man seinen Mitjägern genauso wenig trauen, wie dem übermächtigen Feind. Wie geht man mit Verrat um? Kann man eigentlich eine Vampirjagd planen? Wie findet man Gleichgesinnte? Wie findet man eigentlich Vampire? Und warum tut man sich den ganzen Mist überhaupt an? Wie spielen popkulturelle Referenzen wie Anne Rice, Buffy und Dexter mit unserer Paranoia? Sind solche Bücher, Filme und Serien heimliche Warnungen und Anleitungen von Gleichgesinnten? Ist der gegenwärtige popkulturelle Overkill mit Vampirkram vielleicht sogar eine bewusste falsche Fährte von IHNEN?? Mit anderen Worten: Hat die Camarilla Twilight finanziert?? Mit jeder Frage wird man als Leser paranoider und spinnt neue Gedankengänge. Und diese Fragen und Exkurse durchziehen das gesamte Buch. Nochmal verdammt! Ich WILL jetzt tatsächlich einen Vampirjäger bei Vampire: Masquerade spielen, (und ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde…)

Ein weiteres Kapitel widmet sich den sogenannten Numina. Dies sind – kurz und knapp – die Disziplinen der Menschen. Übersinnliche Kräfte oder Scharlatanereien, um den Blutsaugern auch auf der metaphysischen Ebene etwas entgegen setzen zu können. Wie alles im Werk ist auch dieser Abschnitt optional. Wer sich mit Pflock und Fackel dem Schrecken entgegenstellen möchte, kann das genauso versuchen, wie mit Cyberattacken oder Unterwanderung.

Ein umfangreiches Kapitel stellt die einzelnen Jagdgruppen und Organisationen vor, wie die altbekannte Leopoldsgesellschaft. Unnötig zu erwähnen, dass auch hier die Spielleitung ein Fundus an Ideen und konkreten Szenariovorschlägen um die Ohren gehauen bekommt. Wie reagiert die Mafia auf die Vampire? Was stellen Skinheads und Bikerbanden mit denen an? Oder, halt… Was ist, wenn die Unterwelt von IHNEN kontrolliert wird? Und was haben die CIA und die Illuminaten damit zu tun?

Und als wäre das alles noch nicht genug, gibt es sogar ein eigenes Kapitel, das uns noch mehr spannende Hintergründe präsentiert und eine Chronik organisieren lässt. Haarklein werden wir durch mögliche Szenarien geführt, die als Aufhänger einer Jägerchronik dienen können.
Vom Präludium, über die erste Begegnung mit den Blutsaugern, bis hin zum Erstellen und Durchführen eines Jagdplans, wurde an alle Eventualitäten; an List und Verrat und zwischenmenschliche Abgründe gedacht. Wahnsinn. Der Epilog ist erneut stimmungsvoll aus Inplay-Sicht beschrieben und knüpft an das Einführungskapitel an.

Den Abschluss bildet eine Sammlung von Beispielcharakteren. Im Gegensatz zu Kinder der Revolution wurden hier die Spielwerte nicht im Fließtext eingebaut, sondern ganzseitige Charakterbögen zur Verfügung gestellt. Sowas hätte ich mir für Kinder der Revolution gewünscht; hier ist es eine Selbstverständlichkeit. Toll.
Als allerletztes finden wir den Charakterbogen für Jagdcharaktere als Blanko-Kopiervorlage.

Das Buch kommt übrigens – wie alle Bücher der V20 – mit teils hervorragenden Illustrationen und einer perfekten Verarbeitungsqualität daher. Die Texte gehören zum Besten, was wir in dieser Edition lesen durften und kein Vergleich mit einigen Holprigkeiten in Kinder der Revolution oder auch im Hauptbuch. Auch hier haben die deutschen Übersetzer und Lektoren anständige Arbeit geleistet.

Als Grundlage der Rezension dienten die Deluxe-Ausgabe sowie die PDF-Version. Die Deluxe-Version kostet im Laden 54,95 €, die Hardcover-Ausgabe 39,95 € und die PDF-Version schlägt mit 19,99 € zu Buche.

Fazit
Gejagte Jäger II ist der Showstealer der deutschen V20. Ein wundervolles Buch, das ich kaum aus der Hand legen konnte. Der Inplaycharakter erinnerte mich an das bis heute unübertroffene Engel-Bestiarium „Traumsaat“ und zog mich unwiderstehlich mitten ins Setting. Ist das Ganze 40 oder sogar 55 Euro wert? Definitiv, denn Gejagte Jäger II ist eines der besten Vampire: Masquerade Bücher, die jemals erschienen sind!

Barbarische Bewertung: (10/10)
In seltener Eintracht können sich 10 von 10 Barbaren auf dieses Buch als absolutes Highlight der V20 einigen.
Ich spreche eine uneingeschränkte Kaufempfehlung aus!

Zweite Meinung gefällig?
Infernal Teddy hat sich bei „Neue Abenteuer“ ebenfalls das Buch vorgeknöpft und kommt zu einer etwas kritischeren Meinung, auch in Bezug auf die deutsche Übersetzung. Teddy kritisiert insbesondere den Aufbau des Bandes und dass alles etwas „kreuz und quer“ geht, hält es aber dennoch für eine „wunderbare Ideensammlung“.
Die ausführliche Rezension lest ihr hier.

Bildquelle:
Die Gejagten Jäger II, S. 92. Verwendung im Rahmen von Rezensionszwecken

Die V20 von Ulisses – Überblick & Fazit

Lange hat es gedauert, nun ist die Nacht zurück! Vampire: Die Maskerade ist in der Jubiläumsausgabe (V20) in Deutschland erschienen. Nicht nur in der PDF-Variante, die ich nun seit einigen Wochen nach und nach rezensiere, sondern endlich auch in der lang ersehnten Totholzausgabe.

Beim Crowdfunding haben meine Frau und ich Ulisses als „Ahnen“ unterstützt. Das bedeutet, dass wir für 240 € Vertrauensvorschuss die folgenden Bücher und Dankeschöns erhalten haben. Ein Klick auf das jeweilige Werk führt dich zu meinen entsprechenden Rezensionen; die Einzelwertungen befinden sich in Klammern:
Vampire: Die Maskerade Jubiläumsausgabe (7/10) Das Grundregelwerk
V20 Kompendium (9/10) Ergänzungsband
V20 Die gejagten Jäger II (10/10) Hintergrundband
V20 Kinder der Revolution (7/10) Hintergrundband
V20 Staub zu Staub (6/10 bzw. 8/10) Abenteuerband
V20 Spielleiterschirm + SAS-Leitfaden
Artbook (Softcover) zu Kinder der Revolution

Die vier Hardcoverbände sind in der Deluxe-Version, das heißt, dass sie in einem aufwendigen und bedruckten Kunstledereinband mit Silberschnitt daherkommen. Obendrauf gibt es die PDF-Versionen all dieser Werke.

Die Hardcoverbände sehen nicht nur fantastisch aus, sie fühlen sich auch genauso an. Die Prägung ist hochwertig und detailverliebt. Leider hat unser Grundregelwerk einen ärgerlichen Transportschaden davon getragen; womöglich ist auch beim Aufkleben des „V20 Buttons“ am Buchrücken etwas schiefgelaufen. Eine Buchecke kam völlig eingematscht bei uns an. Schön: Ulisses‘ Crowdfunding Beauftragter André Wiesler hat umgehend Ersatz zugesichert. An dieser Stelle mal ein grundsätzliches Lob für die gesamte Crowdfunding Betreuung. Im zugehörigen Blog konnte man erahnen, dass sich André nicht weniger als ein Bein ausgerissen hat, im Lizenzkuddelmuddel mit Onyx Path.

Die Softcover sind, nun ja, der geschenkte Gaul. Während Staub zu Staub stabil und gut verarbeitet ist, handelt es sich bei Die Kunst der Kinder der Revolution um ein Produkt billigster Machart. Es hat keine Pappdeckel, sondern besteht aus normalem Magazinpapier, wie man es von Zeitschriften kennt. Gerade aus einem Artbook hätte man so viel mehr machen können, vor allem, weil es im Inneren (wie der Rest der Bücher) wunderschön designed und gestaltet wurde. Ja, es ist ein kostenloses Dankeschön gewesen, aber hier hätte man sich etwas mehr Mühe geben dürfen. Der SAS-Leitfaden (Storytelling-Leitfaden) erklärt auf wenigen schwarzweißen Seiten im DIN A5-Format, was man bei einem Blick auf den SAS-Stempel eines Produkts sowieso schon weiß (Anforderungen an Spieler, Kurzinhalt) oder als Spielleitung nicht fremd sein sollte („Todsünden des Spielleitens“). Das Heft fällt völlig aus dem Raster, da es obendrein im Vampire: Requiem-Layout daherkommt und auch die Spielbeispiele beziehen sich offensichtlich nicht auf Masquerade. Gut, wie ich schon sagte: Der geschenkte Gaul eben.

Kleinere und größere Makel gibt es ansonsten nicht zu vermelden, sofern man die Bücherkiste als Ganzes betrachtet. Natürlich sind nicht alle Teilbände der ganz große Wurf. Das Kompendium ist inhaltlich höchst umstritten (während ich es super finde) und auch Kinder der Revolution erntet gemischte Reaktionen. Aber es hat auch niemand riesige Überraschungen erwartet, vor allem, wenn man die Originalausgaben kennt. Einzig die Auswahl der nun aufgelegten Werke ist vielleicht diskutabel. Das weithin für super befundene „Anarchs Unbound“ wäre vielleicht die bessere Alternative zu Kinder der Revolution gewesen; das hätte Regeln und Ideen für eigene Revoluzzer gehabt und würde nicht mit einem Buch abgespeist, das uns fertige Charaktere von gemischter Qualität anbietet. Auch das wundervolle „Rites of the Blood“ wäre eine Option gewesen. Oder „Dread Names, Red List“. Man hofft geradezu, dass Ulisses diese drei Bände auch noch verwirklicht, jetzt wo man sieht, was der deutsche Rollenspielverlag auf die Beine stellen kann.

Denn auch die Übersetzungen und das Lektorat sind weitestgehend gelungen, von den unsäglichen Begriffen mal abgesehen, die ich schon im Grundregelbuch mit Punktabzug bedacht habe. (Stichwort „Prinz“ und „Küken“) Andererseits haben die deutschen Übersetzer an einigen Stellen den Karren unglaublich gut aus dem Dreck gezogen, (man erinnere sich an meine Ausführungen zu Kinder der Revolution), so wurden furchtbare Texte immerhin zu erträglichen Texten.

Eine Überraschung gab es hingegen: Gejagte Jäger stach als absoluter Showstealer hervor. Und kostenlose Stretch Goals wie der Spielleiterschirm sind ebenfalls nice to have. Wo Licht ist, ist aber auch immer Schatten… So ist der Schirm ne grundsätzlich feine Sache, wenn man ihn gratis bekommt. Aber 15 € (!!) für dieses Stück Pappe würde ich beispielsweise nicht freiwillig auf die Rollenspieltheke legen. Insgesamt sind die Einzelpreise aller Werke ziemlich happig. Das betrifft vor allem die PDFs und führte in meinen einzelnen Rezensionen bereits zu dem einen oder anderen Abzug.
Hier liegt aber das Deluxe-Komplettpaket für den modebewussten Ahnen vor uns: Beim Kampfpreis von 240 € erübrigt sich jegliche Nörgelei. Wenn man bedenkt, dass allein die einzelne Deluxe-Ausgabe mit satten 125 € Ladenpreis zu Buche schlägt (ohne PDF!), dann können sich die Backer umso mehr freuen. Für mich ist es definitiv eine tolle Erfahrung gewesen, als Unterstützer an Bord zu sein. Und bei zukünftigen Bänden würde ich dementsprechend ohne zu zögern zuschlagen.

Mein Gesamtfazit der gesamten Aktion ist ne klare 9/10.
Eine klare Kaufempfehlung gibt es an alle Fans des Settings.
Wenn du Vampire: Masquerade magst, wirst du diese Edition lieben!

Update vom 30.12.15: Ulisses hat heute angekündigt, dass aufgrund der neuen Lizenzlage die PDFs günstiger angeboten werden können.
Das Regelwerk ist nun für 19,99 € zu haben.

Viva la what? V20: Kinder der Revolution

Der vorletzte Band, den ich im Rahmen der großen V20-Review vorstellen möchte, hat ein wenig „ruhen“ müssen, bevor ich ihn das zweite und dritte Mal in die Hand genommen habe. Eines vorweg: Ich habe mich VERDAMMT schwer damit getan, was die konkrete Verwendbarkeit des Buches betrifft, sowie die Formulierung mancher Texte anbelangt.
Das Buch will sich irgendwie keine große Mühe geben, uns zu gefallen…

Nähern wir uns dem Werk mit einer Aufzählung von Fakten: Kinder der Revolution zählt 134 Seiten und beinhaltet 18 Vampir Charaktere, die den Hintergrund von Vampire: Masquerade auf die Mikroebene fokussieren.
Das verbindende Element, die Revolution, tritt mal stärker und schwächer hervor. Gemeint können die „Klassiker“, wie die Französische Revolution, aber auch Aufstände oder die Anarchenrevolte sein.
Beim ersten Durchscrollen (ich hatte zunächst nur die PDF-Version) fiel mir etwas auf, was mir beim Blättern im Hauptbuch nicht ganz bewusst wurde: „That’s a bunch of white guys!“ Tja, man hat exakt eine Asiatin und einen Afroamerikaner (der zu Lebzeiten Baumwollpflücker in den Südstaaten war…) in den globalen Vampirreigen eingebaut, der Rest stammt zwar teilweise aus antiken Steppenvölkern, wird aber in allerbester Hollywoodmanier „white washed“ dargestellt.
Und anders als im Hauptbuch, das bei Darstellungen der 13 Hauptclans (plus Caitiff im Kompendium) ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis von 7 (weißen) weiblichen zu 7 (weißen) männlichen Charakteren präsentiert, sind die Männer der Revolution mit vier Vertretern in der Überzahl. Das wird einige Menschen stören und mindestens genauso viele überhaupt nicht. Erwähnenswert ist es allemal.

Lässt man die fehlende political correctness außer Acht, stellt sich auch bei der Clansverteilung die eine oder andere Frage nach dem „Warum“.
Bei 18 Charakteren hätte man annehmen können, dass alle 13 Clans abgedeckt würden und man die restlichen fünf mit „Exoten“ oder Blutlinien darstellt. Weit gefehlt. Die Giovanni und Ravnos gehen komplett leer aus, während einige Clans wie die Ventrue, Lasombra, Brujah, Malkavianer und Toreador gleich zweimal bedient werden. Und statt nun beispielsweise die Caitiff reinzubringen bekommen wir eine Kappadozianerin und einen Nagaraja.

Jeder dieser Charaktere wird auf mehreren Seiten, denen stets ein ganzseitiges Artwork vorausgeht, ausführlich vorgestellt. Wir erhalten einen detaillierten Einblick in die Lebensgeschichte der Person und werden in die Lage versetzt die Motive und Gedanken des jeweiligen Charakters nachzuvollziehen. Den Abschluss jeder Beschreibung bildet ein Charakterprofil im Fließtext (wieso nicht auf den schicken Charakterbögen??) mitsamt Werten und Hinweisen zur Darstellung.

Soweit erstmal zu den trockenen Fakten. An genau diesem Punkt war ich nach dem ersten Durchscrollen und Querlesen sowohl verwirrt als auch leicht enttäuscht und ziemlich ratlos, wann und wie ich die Informationen aus diesem Buch verwenden könnte.
Ich beschloss den Text ruhen zu lassen und auf die Lieferung der Deluxe-Bände zu warten, um mich an einem ruhigen Abend, bei einer Tasse Tee, noch einmal mit dem Werk zu beschäftigen.

Und das sollte sich als Glücksfall erweisen, denn KdR ist an vielen Stellen ein kleines Juwel. Einige der Biographien strotzen so vor intelligenten und stimmungsvollen Ideen, dass diese problemlos in eigenen Chroniken verbaut werden können. Auch die Optik schlägt noch einmal eine goldene Brücke zwischen der Intention des Autors und dem Kopfkino des Rezipienten: Kein Wunder, dass die Crowdfunding-Backer ein Begleitheft geschenkt bekommen haben, das Einblicke in die Entstehung der Artworks und Illustrationen bietet. Diese sind nämlich durchweg unglaublich gut und machen das Blättern in diesem Werk zu einer wahren Freude. Auch hier scheint man den Weg fortführen zu wollen, den man mit dem Kompendium eingeschlagen hat: Wir dürfen den Machern neugierig über die Schultern schauen.

Nichtsdestotrotz muss ich kritisch anmerken, dass sich die Biographien in ihrer Qualität DEUTLICH unterscheiden. Während einige Charaktere uns mit solider Standardkost versorgen (die Blockupy Aktivistin Lizette Cordoba oder den Ostblock-Revoluzzer Jaromir Cerny, sowie die durch die französische Revolution geprägte Laurette Morel), gibt es einige echte Rohrkrepierer, wie den Ventrue Andrew Seneca. Dieser hat den vermeintlich interessanten Twist, dass er als befreiter Sklave selbst Sklaven gehalten – und damit vom System profitiert hat. Laut Begleitband hat man ihn tatsächlich nur deshalb zum Afroamerikaner gemacht, da ein generischer weißer Südstaatler zu unspektakulär gewesen wäre…
Absoluter Tiefpunkt: der Nagaraja (ich musste tatsächlich erstmal nachschlagen, was das überhaupt ist) Roderigo al-Dhakil. Äh, nur soviel: Der Sabbat war mal organisiert und progressiv. Dann kam al-Dhakil und verwandelte ihn in die heute bekannte Ansammlung aus Blut, Wahnsinn und Chaos. Richtig gehört: Die gesamte Ausrichtung des Sabbat wurde angeblich von diesem Typen beeinflusst. Äh… NEIN!?! Ganz bestimmt nicht in meiner Chronik, ihr Nüsse!
Und dann haben wir noch völlig langweilige Charas wie Colm Oliver. Ich könnte jetzt witzeln, dass man im Grundbuch nach „stinknormaler Brujah“ suchen müsste, um ein Bild von ihm zu finden. Und hey, da ist ja wirklich eines von ihm! Man hat hier einfach um das Brujah-Artwork aus dem Grundbuch einen Chara gestrickt. Kann man machen, tut auch nicht weh. Was hingegen weh tut: Wegen eines solchen Typen müssen wir in KdR auf nen Ravnos oder Giovanni verzichten. Und dann packt man das altbekannte Bild auch noch aufs Cover? Wieso, nur, wieso?? Da wäre beispielsweise Lizette Cordoba, die weiter oben diese Rezension ziert, deutlich stimmungsvoller gewesen, als ein wild ballernder Brujah. Bäh!

Auf der positiven Seite stehen erinnerungswürdige Charaktere wie Lady Willoughby, die eine FANTASTISCHE Backgroundstory haben…
…die aber leider GRAUSAM geschrieben ist!
Bei Charakteren wie dieser umtriebigen Tremere Aristokratin müssen die armen Übersetzer wutschnaubend in ihre Schreibtische gebissen haben. Sie haben hier wirklich noch das Beste aus völlig abstrusen (und im rhetorischen Stil einer elfjährigen Tagebuchschreiberin zusammengeschusterten) satzähnlichen Konstruktionen herausgeholt. Wirklich! Wer den Originaltext kennt, der kann vor den fleißigen Übersetzern bei Feder & Schwert nur sämtliche Hüte ziehen.
Und schließlich, als vierte Qualitätskategorie, die angesprochenen Juwelen. Hier passt ausnahmsweise mal (fast) alles. Hintergrund, Abwechslung, stilsichere Formulierungsweise, Twists und Verwendbarkeit in der eigenen Chronik.

Als Beispiel ist hier die ehemalige Piratin Esperanza Luzifer zu nennen. Auf den ersten Blick löst dieser Charakter verstärktes Stirnrunzeln aus, doch schaffen es die Autoren meiner Meinung nach die Story rechtzeitig zu drehen, bevor es allzu abstrus wird. Teilzeithelden-Chef Roger Lewin ist im letzten Punkt fundamental anderer Meinung: „Wei­ter­blät­tern. Schnell. Eine Lasombra-Piratin, die eine Legende ist und sich wie eine ver­hält. Groß­flä­chi­ger Mary-Sue-Charakter in der schlimms­ten Interpretation.“

Zugegeben, der Name ist für die Tonne und sollte tunlichst aus einer halbwegs ernsthaften Chronik rausgehalten werden. Aber mit ihr hat eine Chronik eine ziemlich abgefahrene Antagonistin. Erinnert ihr euch noch an die malkavianischen Zwillinge aus dem Spiel Vampire: Bloodlines? Esperanza könnte ihre Lasombra-Cousine sein. Hier wird tatsächlich mal an der Gothic Punk Schraube gedreht; dieses Selbstverständnis von Vampire: Masquerade kommt im restlichen Werk leider definitiv zu kurz.

Zuletzt ist noch die Nosferatu Mary-Ann Fletcher im Kopf geblieben, die mit dem legendären Gun Powder Plot zu tun hatte. Eigentlich der einzige Chara, bei dem einfach alles zusammen passt. Beschreibung, Artwork, Hintergrund und mögliche Verwertbarkeit in einer eigenen Chronik machen sie – kurz vor Lady Willoughby – zu meiner Favoritin.

Was haben wir also, unterm Strich, für unser Geld bekommen?
Achtzehn qualitativ höchst unterschiedliche Biographien, haufenweise Ideen und durchweg gelungene Artworks.
Muss man dieses Buch haben? Definitiv nicht, vor allem mit Blick auf die unterschiedlichen Preise. Die mir vorliegende Deluxe-Version mit zwei Lesebändchen und Kunstledereinband ist für 49,95 € zu haben.
Die gewöhnliche Hardcovervariante schlägt mit 34,95 € zu Buche und die PDF-Version immerhin noch mit 17,99 €.

Auch hier würde ich es liebend gerne so halten, dass ich den Crowdfunding-Kontext mit berücksichtige. Als Backer habe ich die Deluxeausgabe sehr viel günstiger erhalten und obendrein die PDF-Version, sowie den exklusiven Begleitband „Enstehung der Kunst der Kinder der Revolution“ kostenlos dazu bekommen. Aber, huih… 18 Euro allein für die PDF! Da ist die Schmerzgrenze wirklich überschritten…

Barbarische Bewertung: (7/10)
Ein Barbar entdeckt seine politische Korrektheit und wird von den anderen als Weichei erschlagen.
Ein weiterer kann nur vom sehr guten Übersetzer davon abgehalten werden, sich ob mancher Formulierungen von einer Klippe zu stürzen.
Der dritte fällt von eben jener Klippe, da ihm von den inhaltlichen Qualitätsschwankungen ganz schwindlig geworden ist.
Und der vierte hat vergessen das Crowdfunding zu unterstützen und sich totgeärgert, als er den Preis gesehen hat. Bleiben 7 von 10 Barbaren, die das Werk weiter empfehlen. (Originalausgabe: 6 von 10)

Zweite Meinung gefällig?
Die „Teilzeithelden“ haben ebenfalls eine Rezension für euch. 
Wertung: Durchschnitt.
Fazit: „[…] Wer NSCs sucht und deren Werte, kann sich deut­lich bes­ser an die diver­sen … bei Nacht/by Night–Quel­len­bü­cher hal­ten. Abge­se­hen davon ist das Buch so wenig ver­wert­bar, dass es ein­fach zu teuer ist, hüb­sches Art­work hin oder her.“

Dritte Meinung gefällig?
Infernal Teddy hat bei „Neue Abenteuer“ ebenfalls KdR rezensiert. 
Fazit: „Wer dieses Buch als Teil seiner Stretchgoals beim Crowdfunding der deutschen V20 bekommen hat soll sich freuen, was den Rest von euch da draußen angeht: wenn ihr nicht unbedingt ein Buch mit übermächtigen NSCs braucht könnt ihr dieses Buch im Regal stehen lassen. Es lohnt sich nicht wirklich.“

Die V20 im Überblick
Einen Überblick und ein Fazit zu allen Printausgaben der deutschen V20-Veröffentlichungen habe ich hier für euch.

Bildquelle:
Meine Kamera und ich.

Was noch gesagt werden muss… Das V20: Kompendium

Einen Überblick über die deutschen Ausgaben der V20 erhaltet ihr hier.

Ein weiteres Werk aus der Ulisses-Crowdfunding Reihe zur Vampire: The Masquerade 20th Anniversary Edition (V20) ist das schmucke Kompendium, das auf schlanken, durchweg farbigen 82 Seiten das Setting vertieft und erweitert. Es richtet sich inhaltlich an SpielerInnen und Spielleitungen gleichermaßen. Die Optik sticht positiv hervor, ich gehe sogar so weit zu sagen, dass sie noch einen Funken besser ist als im Grundregelwerk; allerdings kann man auf weniger Seiten auch weniger falsch machen. Digitale Artworks wechseln sich mit alten und neuen Illustrationen ab. Höhepunkt ist das Coverbild (siehe oben), Tiefpunkt der künstlerische Totalausfall auf Seite 76. Umso ärgerlicher, dass Käufer der Print-Ausgabe in der Deluxe-Version das tolle Cover gar nicht zu sehen bekommen. (Hier ist einer. Grmpf.) Bei den Gejagten Jägern und den Kindern der Revolution hat man daran gedacht, das Cover noch einmal auf der ersten Innenseite zu wiederholen, da man ja ansonsten „nur“ den schicken Ledereinband hat. Unabhängig davon wirken aber alle Innenillustrationen sehr stimmungsvoll und ansprechend.

Bevor wir auf Inhaltliches zu sprechen kommen, fällt zunächst eine Sache positiv auf. Das Vorgehen der Autoren, sich Zeit zu nehmen für Erklärungen setzt sich mit dem Kompendium fort. Bereits in meiner Rezension zum Grundregelwerk habe ich positiv angemerkt, dass es vorteilhaft ist, wenn man in Entwicklungsprozesse, Referenzen und Inspirationen Einblicke erhält und die Autoren Zeit haben ihre Gedanken darzulegen. Das Kompendium geht noch einen Schritt weiter: Es lässt uns bereits in der Einleitung dem Autoren über die Schulter schauen, wir nehmen also wie in einer Art „Making of“ am Entstehungsprozess des Werkes teil. Abgerundet wird diese Vorgehensweise durch einen großzügigen Anhang mit dem Titel „Was der Schere zum Opfer fiel“. Die eigentlichen Kapitel sind frei von editorischen Anmerkungen, aber auch hier merkt man dem Werk an, dass nichts mit der heißen Nadel gestrickt wurde und alles wohldurchdacht und aufeinander abgestimmt ist.

Kapitel 1 präsentiert uns ausführlich die Titel innerhalb der vampirischen Gesellschaft. Vorgestellt werden übliche Bezeichnungen innerhalb aller Sekten mitsamt Erklärungen. Vieles nimmt dabei Bezug auf die entsprechenden Texte im Grundregelwerk, doch hier erhält die Spielleitung zusätzliche Anregungen, wie sich Titel und Status innerhalb einer Chronik einsetzen lassen und wie sie sich als Werkzeuge instrumentalisieren lassen. Der Verfasser schreibt in der Einleitung, dass hier zunächst angedacht war die Titel mit regellastigem Crunch zu unterfüttern; die Fans aber lieber erzählerischem Fluff den Vorzug gaben. Die richtige Entscheidung, wie ich finde, denn das macht den Inhalt deutlich flexibler und individueller verwendbar. Toll: Die Regelsysteme sind nicht etwa vollständig rausgeflogen, sondern haben ihren Weg in den Anhang gefunden, so dass auch Regelfüchse auf ihre Kosten kommen.
Etwas ungewöhnlich mutet zuletzt die Doppelseite zu den Caitiff an, die auf den ersten Blick etwas in der Luft zu hängen scheint, auf den zweiten Blick aber den negativen Titel „Caitiff“ ergänzt, wobei auch gleich klar gemacht wird, dass Caitiff zwei Bedeutungen hat. Einmal den Status als Außgestoßener und einmal als Außenstehender („Clansloser“).

Kapitel 2 führt uns in die Welt der Gefallen und Günste ein. Die Überschrift „Eine Hand wäscht die andere“ fasst das System gut zusammen. Hier fällt erneut die ungeheure SL-Freundlichkeit der V20 auf. Informationen werden nicht einfach nur vorgesetzt, sondern konkret mit Einsatzmöglichkeiten innerhalb einer Chronik ergänzt. Auch hier geht man auf unterschiedliche Verwendungs- und Betrachtungsmöglichkeiten ein. Sind Gefallen eine nicht-monetäre Währung innerhalb der Gesellschaft? Eine eigene soziale Kunstform womöglich? Oder harte, kapitalistische Investition? Die Diskurse zur Thematik werden nachvollziehbar und interessant aufbereitet; einmal mehr spürt man, dass dieses Kompendium das Ergebnis vieler Debatten und Rücksprachen mit den Fans ist.

Kapitel 3 ist der Glanz- und Höhepunkt des Buchs. Vampire und Technik. Erstmals werden uns die Einflüsse neuer Medien und modernster Technologie auf die Gesellschaft der Vampire präsentiert. Wie funktioniert die Maskerade in Zeiten von YouTube? Wie kann ein Pariser Prinz ein Mitglied seiner Domäne bestrafen, wenn es in Chicago sitzt und sich über Facebook negativ ihm gegenüber geäußert hat? Was sind geographische Domänen überhaupt noch wert, wo jeder Vampir innerhalb von 24 Stunden an jedem Ort der Welt sein kann? Was unternehmen die Ahnen gegen die Netzwerke der Jüngeren und gegen „virtuelle Domänen“? Und wieso ist es auf manchem Toreadorempfang ein gesellschaftlicher Fauxpas, wenn man mit dem Vorgängermodell des aktuellen iPhones erscheint?  Das Kapitel liefert Erklärungsansätze, Szenarioideen und Einblicke in das vampirische Leben im Angesicht einer digitalisierten Welt. „Unleben online“, wie es in einer Teilüberschrift so schön heißt.
Dieses Kapitel ist ein MUSS für jede Chronik der Gegenwart und rechtfertigt allein schon den Kauf des Buchs.

Kapitel 4 stellt uns zahlreiche Schauplätze des weltweiten vampirischen Treibens vor und liefert damit erneut zahllose Storyaufhänger und Ideen, um unsere Chronik zu schmücken. Wir bekommen feste Örtlichkeiten, wie die Katakomben von Paris präsentiert, ebenso wie „mobile“ Locations wie den Succubus Club. Die Grande Masquerade, jene große LIVE-Convention in New Orleans, hat ihren Weg nicht in den offiziellen Kanon gefunden, da sie laut Aussage des Verfassers zwar sehr stimmungsvoll sei, letztlich aber nicht sehr lore-freundlich. Dennoch hat es das Event in der „Stadt der Vampire“ ins Kompendium geschafft, nämlich in den Anhang, der das Werk gelungen abrundet.

Fazit:
Das Kompendium ist ein absolut essentielles Begleitwerk für die V20 und jeden Cent wert. Auch das Lektorat ist gelungen; die Übersetzungen hatte ich bereits in der Rezension zum Grundregelwerk kritisiert; ich werde daher nicht jedes einzelne Produkt in diesem Punkt abwerten. Persönlich hätte ich mir aber gewünscht, dass man die Regeln für Blutlinien und Ghule in das Kompendium auslagert. Thematisch hätte es irgendwie besser gepasst und das Grundregelwerk zu einer runden (und vor allem leichteren) Sache gemacht. Auch die Übersetzung des Titels ist ein wenig irreführend. Ein „Kompendium“ ist ein kurz gefasstes Nachschlagewerk oder Fachbuch. Die englische Originalausgabe nennt sich „Companion“ – und darunter versteht man ein Begleitbuch. Letztere Bezeichnung passt tatsächlich besser zum vorliegenden Werk, das nur in Kombination mit dem Grundregelwerk gewertet werden sollte und nicht einzeln.

Barbarische Bewertung: (10/10) Abwertung: (9/10)
10 von 10 begeisterten Barbaren haben einen Schrein gebaut, dieses Buch reingestellt und verehren es nun als „Gottheit des guten Beispiels dafür, wie ein Rollenspielwerk zu sein hat“.

Nachtrag, 26.08.2015
In allem Überschwang habe ich ein wichtiges Detail übersehen. Die 12,99 € beziehen sich auf die PDF-Version, die Hardcoverausgabe in der normalen Version wird einen Ladenpreis von 24,95 € haben. Die Deluxe-Fassung gibt es für 34,95 € und verzichtet – wie bereits erwähnt – komplett auf das tolle Cover. Das ist – trotz Vollfarbe und Hochglanzhardcover – natürlich ein stolzer Preis. In diesem Falle stellen nur 9 von 10 Barbaren ihr Buch in den Schrein. Der zehnte bleibt bei der PDF-Ausgabe. 😉

Zweite Meinung gefällig?
Infernal Teddy kommt bei Neue Abenteuer zu einem ähnlichen Fazit.

Bildquelle: Coverbild V20 Kompendium, verwendet im Rahmen von Rezensionszwecken.

 

 

Was für ein Ziegelstein! V20: Vampire die Maskerade Jubiläumsausgabe

Da ist sie nun. Na ja, zumindest digital. Vor zwei Tagen erhielten die Crowdfunding-Backer die (nicht mehr ganz so) neue 20th Anniversary Edition von Vampire: Masquerade, zusammen mit zwei weiteren Bänden (Gejagte Jäger II und Kompendium), die ich noch separat besprechen werde. Einen Überblick über alle deutschen Ausgaben der V20 erhaltet ihr hier.

Meine Frau und ich hatten bereits die Originalausgabe unterstützt; somit ist mir der Inhalt des 538 Seiten starken Ungetüms von einem Rollenspielwerk nicht fremd. In den letzten Jahren konnte ich daher bereits ausgiebig das neue alte Buch auf Herz und Nieren testen. Schön, dass es nun auch den Weg in die deutschen Rollenspielregale gefunden hat, denn – soviel darf vorweg erwähnt sein – das Teil ist ein Kracher.

Was ist also die V20 und, viel interessanter: was ist sie nicht?

Die V20 ist ein Jubiläumsband, der die früheren Grundregelwerke von Vampire: The Masquerade aufhübscht, ergänzt, teilweise aktualisiert und zusammenfasst. Wer die V20 besitzt, der hat erstmalig tatsächlich ein vollständiges Regelwerk; weitestgehend metaplotfrei und vollständig. Mit der V20 kann man sich also von den Grundbüchern der Ersten (1991), Zweiten (1996) und Revised-Edition (1999) guten Gewissens trennen (natürlich nur metaphorisch), denn die V20 ist ein mehr als vollständiger Ersatz dieser früheren Ausgaben. Dabei fällt zunächst auf, dass mitnichten bloßes Textrecycling betrieben wurde. Texte wurden von Eigentümlichkeiten der Neunzigerjahre befreit und auf den neuesten Stand gebracht. Ohne zu weit auszuholen sei in diesem Punkt erwähnt, dass insbesondere das V20 Kompendium (zur Rezension) die Tücken des digitalen Zeitalters beschreibt, so dass man erstmals eine Handhabe für die Aufrechterhaltung der Maskerade im Internetzeitalter hat.
Was die V20 allerdings nicht ist: Eine neue Edition. Zwar wurden die Regeln stellenweise abgerundet, stärker aufeinander abgestimmt und potentielle Gamebreaker behoben, doch sind sie keineswegs grundlegend neu.  Auch am Metaplot hat man nicht weitergestrickt. Ereignisse wie das Weltenende Gehenna spielen beispielsweise in dieser Sammelausgabe keine explizite Rolle. Die V20 setzt auf Kompatibilität zu allen bisherigen Maskerade-Werken. Du hast noch dein Toreador-Clansbuch aus dem Jahr 2000? Glückwunsch, es ist mit der V20 vollständig kompatibel. Gleiches gilt für alle anderen Bände.
Auch optisch unterscheiden sich die neuen Bücher nicht von den alten im Regal. Einzig das dezente Ulisses-Logo weist bei der deutschen Ausgabe auf die spätere Veröffentlichung hin. Wirft man einen Blick zwischen die Buchdeckel, dann erkennen wir auch hier das vertraute Masquerade-Layout. Manchmal, ich hatte es in der Rezension von Staub zu Staub angesprochen, ist das schade; wirkt vieles dadurch eher altbacken. So auch beim vorliegenden Grundregelwerk. Teilweise wurden zwar alle Register gezogen: zahlreiche neue Artworks und Illustrationen wurden angefertigt; (die archetypischen Clansvertreter mit ihren Digital Artworks wurden in der Vergangenheit ja bereits oft genug zu Marketingzwecken eingesetzt); auch hier atmet die V20 also die kühle Nachtluft des 21. Jahrhunderts. Doch an anderen Stellen greift man sich an den Kopf. Welche das sind, werde ich später noch ausführen.
Zusammengefasst ist die V20 also keine dritte, bzw. vierte Edition von Vampire: The Masquerade. Letztere wurde soeben auf der GenCon angekündigt. Die eigenständige V4 wird womöglich neue Regeln und Setzungen bieten, ebenso wird es einen Post-Gehenna-Metaplot geben, der fortan weitergeführt wird.

Inhaltliches

Das Buch präsentiert uns zunächst einmal auf mehreren Seiten Statements zur langjährigen Offplay-Geschichte des Settings. Daraufhin folgt die Auflistung der fleißigen Crowdfunder, die das Projekt ermöglicht haben. Danach ist das Werk deckungsgleich mit der Originalausgabe; Ulisses erhielt nur die Lizenz zum Drucken einer Übersetzung; inhaltlich durfte nichts geändert werden. Bevor es in die Vorstellung des Settings geht, gibt es einen mehrseitigen Überblick, der ebenfalls eine Leseanleitung enthält. Alte Hasen werden wenig überraschendes finden; für Neueinsteiger ist das Ganze aber recht vorteilhaft und nachvollziehbar aufbereitet. Kapitel 1 beschäftigt sich mit der Welt der Dunkelheit. Gleich auf der ersten Seite wird das Setting mittels zweier Worte definiert: Gothic Punk. Hier bricht zum ersten Mal etwas durch, was ich insgesamt für äußerst positiv erachte: Die Autoren lassen sich Zeit. Nichts wirkt gehetzt. Nirgendwo hat man den Eindruck, dass man verzweifelt eine gewisse Seitenanzahl einhalten müsse; dass wild gekürzt werden müsse oder sich irgendein Beteiligter beschränken müsse. Dieses Buch strahlt durchgängig ein „Wir müssen gar nix!“ aus. Und das spürt der Leser.
Das Buch nimmt sich Platz und Zeit, um popkulturelle Einflüsse zu beschreiben, Film- und Musikempfehlungen zu geben, auf geschichtliche Entwicklungen hinzudeuten und den Leser wirklich „abzuholen“ und bereit zu machen für das Setting.

Das Setting? Worum geht es denn überhaupt? Wer als Rollenspieler die letzten 25 Jahre unter einem Stein gelebt hat, wird vermutlich mit den Setzungen eher amüsiert die Augen hochziehen oder sagen: „Kenne ich. True Blood trifft The Originals und Twilight, was?“ Tatsache ist, dass jene popkulturellen Phänomene (in puncto Twilight eher Auswuchs, als Phänomen…) den gemeinsamen Nenner nicht verleugnen können. Es geht – in bester Anne Rice-Manier – um Vampire, die unter uns leben. Im Hier und Heute. Das ist im Hinblick auf unzählige TV-Serien und Filme grundsätzlich kalter Kaffee. 1991 war es hingegen revolutionär. Tatsächlich hat es das zuvor nur bei Anne Rice gegeben, die in den 1970ern mit „Interview mit einem Vampir“ die moderne Fassung des Settings wenn schon nicht begründete, dann doch zumindest verbreitete. Und doch ist die Welt der Dunkelheit, so der Name des Hintergrunds, etwas völlig eigenständiges und hat nicht nur für genannte Serien, sondern auch für Video- und Computerspiele heimlich aber ziemlich eindeutig Pate gestanden.
Vampire regieren die Welt. Sie sind die Strippenzieher, die im kapitalistischen Machtgefüge die Kontrolle über uns Menschen, die sie als Herde betrachten, besitzen. Das war schon immer so, gerät aber neuerdings immer häufiger in Gefahr, weshalb die Kinder der Nacht ganz besonders darauf achten müssen, dass ihre Maskerade aufrecht erhalten bleibt. Klar, die Vampire sind stärker, schneller und mächtiger als Menschen. Unsterbliche Monster. Doch sind sie wenige und ein jeder klammert sich mit Zähnen und Klauen an sein unseliges Leben. Der größte Feind eines Vampirs ist ein anderer Vampir. In größeren Gemeinschaften, den sogenannten Sekten, pflegen sie einer elitären Parallelgesellschaft, voller Intrigen, Fallstricke und Gefahren. Dabei wahren sie das Gesicht der Zivilisation, ungeachtet der Tatsache, dass unter dieser Maske das unendlich gierige Tier lauert, in das man sich verwandelt hat. Die Spieler schlüpfen in die Rolle dieser Geschöpfe und versuchen in dieser Gesellschaft zu überleben und gleichzeitig vor dem neugierigen Auge der Lebenden verborgen zu bleiben. Auch heute noch beeindruckt uns die Tiefgründigkeit, die Tragik und ebenso trashige an diesem Neo Noir-Setting, das mit „Gothic Punk“ als Eigenbezeichnung daher recht gut umschrieben ist.

Die V20 schafft es, dieses Look and Feel des Gothic Punk hervorragend einzufangen. Sie offenbart sich an vielerlei Stellen als eine Art Festrede, um den Boden einer schnöden „Spielanleitung“ zu verlassen und ins schwärmerisch-chaotische zu verfallen. Gleichzeitig klingt aller Orten an, wie stolz man auf das Setting und seine Geschichten ist, was man – im besten Sinne – selbstverliebt als Herzblut in jeden einzelnen Text fließen lässt. Das Kapitel bietet ansonsten wenig überraschendes. Clans und Sekten werden vorgestellt, die Traditionen der Camarilla und die Mythologie der Vampire werden ausgeleuchtet. Zuletzt geht man auf andere Bewohner der Welt der Dunkelheit ein und schließt mit dem typischen Glossar aus Ausdrücken der vampirischen Gesellschaft, die (leider) unrevidiert aus früheren Übersetzungen übernommen wurden. So müssen wir uns immer noch mit Begriffen wie „Küken“ herumschlagen und auch das „Kainskind“ ist wieder an Bord, während sich die Sabbatianer lieber „Kainit“ nennen. Im Original wird der Unterschied deutlicher, da gibt es den Begriff „Kindred“, während sich die Sabbatianer auf Kain berufen und den Begriff „Cainite“ wählen.
Im Vorfeld lud Ulisses die Spielerschaft dazu ein neue Begriffe zu finden. Es wurde u.a. auf diese Probleme aufmerksam gemacht, so auch das „Kuss-Problem“ mit der unklaren Definition was denn nun den Kuss vom Küssen und das Werden von der Erschaffung unterscheidet. Auch die Übersetzung der „Barrens“ mit dem schnöden Wort „Öde“ ist so ein Fehlgriff.
Und nein, liebe Übersetzer: Ein „Prince“ ist kein Thronfolger (Prinz), sondern SITZT bereits auf dem Thron. Also ist wohl Prince in der alternativen Bedeutung „Fürst“ gemeint. Es war 1991, 1996, 1999 – und ist auch 2015 noch Blödsinn den „Prince“ mit „Prinz“ zu übersetzen. Im Zuge der Veröffentlichung von Requiem, vor über 10 Jahren, ist es endlich jemandem aufgefallen und folgerichtig wurde für Requiem der „Prince“ zum „Fürsten“. Wieso wird jetzt wieder der falsche Begriff genommen? Es ist ein Elend…
Zugeben einige Begriffe trifft immer das Phänomen des „Lost in Translation“, aber die Originalausgabe der V20 entstand als kreativer Schaffensprozess zwischen Autoren und Fans. Die einzige Möglichkeit, die es im deutschsprachigen Raum gegeben hätte, um einen ähnlichen Diskurs zu ermöglichen, hätte in der Auseinandersetzung mit Begrifflichkeiten gelegen. Doch daran hatte man letztlich wohl kein Interesse. Ulisses zog die Einladung zurück und setzte wieder die alten Begriffe ein, egal wie dämlich die nach wie vor sind. Chance vertan. Dafür gibt es einen Abzug gegenüber der Originalausgabe.

Kapitel 2 behandelt die Sekten und Clans und stellt letztere auf einer Doppelseite vor. Hier fällt uns sogleich Negatives ins Auge, denn die V20 verlässt die stilsicheren Gefilde des Digital Artworks und greift zu Comiczeichnungen, die das ganze eher schräg gestalten. Dieser Umstand wurde von Seiten der Fans bereits bei der Originalversion kritisiert; das Artwork ist ein Komplettausfall. Inhaltlich gibt es hier aber nichts zu beanstanden. Auch hier gilt: Für alte Hasen nichts neues.

Kapitel 3 beinhaltet die Charaktererschaffung und damit findet sich erstmals auf Seite 93 regel- und spielrelevantes.
Und hier offenbart sich erstmals die Schwäche des Uraltsystems. Die Macher der V20 haben es meiner Meinung nach versäumt, die besseren Regeln des Nachfolgers Requiem zu verwenden. Stattdessen greift man stoisch auf das Althergebrachte zurück. Hier wurden nur Fehler ausgebügelt und Kanten abgeschliffen – wirklich neu ist nichts. (Dass durchaus Interesse seitens der Spielerschaft bestand die überzeugenden Requiem-Regeln zu verwenden, bezeugt das eigens vom Publisher veröffentlichte Conversiontool, der „Vampire Translation Guide“. Dieses Buch ermöglicht es, das Masquerade-Setting in Requiem zu spielen oder – im Umkehrschluss – Requiem-Regeln im Maskerade-Hintergrund zu verwenden.)
Die Charaktererschaffung in der V20 erfolgt weiterhin über das altbekannte Punktesystem, wonach man einzelne Attributsgruppen bzw. Talentgruppen unterschiedlich gewichten kann, um sich entsprechend zu spezialisieren. Das ist immer noch einschränkend und einengend, aber da harte Regeln im Storytelling System sowieso eine untergeordnete Rolle spielen, haben wir Spieler uns nach 25 Jahren damit abgefunden. 😉 Positiv hervorzuheben bleibt aber, dass das Masquerade-Regelwerk noch nie so umfangreich und umfassend war, wie mit der V20. Zusatzinformationen, die sich vorher auf weitere Bände verteilten sind hier enthalten.

Gleiches gilt für Kapitel 4, die Disziplinen. Selten haben wir eine so vollständige Disziplinsliste vorgelegt bekommen. Einige Disziplinen wurden im Zuge der Wiederveröffentlichung angepasst und überarbeitet. Auch in diesem Kapitel nimmt man sich Platz und Zeit, die einzelnen Disziplinen exakt und verständlich zu erklären. So unübersichtlich der ganze Regelwust ist, so sehr muss man die Autoren für die gewählten Formulierungen loben.

Kapitel 5, die Regeln, sind vergleichsweise schlank geraten, da man das Kampfsystem und die Disziplinsregeln und weitere „Systeme und Dramatik“ im gleichnamigen Kapitel 6 untergebracht hat. Auch hier gibt es wenig überraschendes und neues. Die Regeln funktionieren immer noch, wenngleich unzählige Spielrunden mittlerweile ihre Haus- und Zusatzregeln haben dürften. Für mich persönlich daher uninteressant, da ein über die Jahre gewachsenes Hausregelsystem mit Versatzstücken aus Requiem und LIVE-Rollenspielwerken für die eigene Spielrunde einfach jedem System der Neunzigerjahre überlegen ist.

Kapitel 7 ist da schon wieder interessanter. Es ist mit „Moral“ überschrieben und genau darum geht es auch. Alles, was mit Sünden, Tugenden und dem eigenen Wahnsinn und Verderben zu tun hat, konnte hier einen Platz finden. Erneut schaffen es die Autoren, dass man auch als alter Hase noch interessiert durch die Zeilen geht und immer wieder auf Ideen für das eigene Spiel stößt. Ich möchte das siebte Kapitel daher fast schon als Herzstück des Settings bezeichnen, denn hier spielen die sogenannten „Pfade“ eine entscheidende Rolle in der Abwärtsspirale des vampirischen Daseins. So ziemlich alle Pfade, mit denen wir es jemals bei Masquerade zu tun hatten, haben Eingang in dieses Buch gefunden. Die V20 unterstreicht einmal mehr ihren Anspruch als One book for all.

Kapitel 8 widmet sich dem „Erzählen“, womit tatsächlich das Spielleiten gemeint ist. Gamisten und Simulationisten werden spätestens hier mit der Nase rümpfen, verwechselt man den Begriff doch schnell mit dem Vorlesen einer Geschichte. Tatsächlich – und das wird hier sehr schön dargestellt – entwickeln alle Beteiligten am Tisch gemeinsam eine Geschichte.
Die Spielleitung einer Masquerade-Runde fungiert weniger als Schiedsrichter, wie dem klassischen Dungeonmaster, sondern eher als Spielbegleiter, ohne zum Regisseur zu werden. Das Kapitel bietet der Spielleitung zahllose Beispiele, Anregungen und Tipps. Auch hier zahlt es sich aus, dass man nicht auf die Seitenlänge geschaut hat. Gedanken bekommen Raum zur Entfaltung; Ideen dürfen sich entwickeln. Wir bekommen Plothooks und Szenarien präsentiert. Rein theoretisch reicht die Masse in diesem Kapitel um jahrelang eine Masquerade-Runde zu leiten. Etwas unerfreulich sind die Abhandlungen über Motivation und Herkunft von Spielercharakteren. Diese Abschnitte hätten im Rahmen der Charaktererschaffung deutlich besser gepasst.

Normalerweise wären die meisten einführenden Werke nun durch mit der Exposition des Settings; mit dem Erklären der Regeln und dem Erschaffen von Charakteren. Doch wir sind erst auf Seite 384 von 538 und die V20 stellt uns in Kapitel 9 ausführlich die anderen Wesen in der World of Darkness vor. Werwölfe, Magier, Jäger und Übersinnliches. Abgerundet wird das ganze von einem kleinen Bestiarium, so dass die Spielleitung sofort entsprechende Antagonisten griffbereit hat. Sehr schön.

Kapitel 10 beinhaltet eine komplette Spielhilfe, die gut und gerne auch als Zusatzband (oder im Kompendium) hätte auftauchen können. Die Rede ist von Blutlinien, die dem Clansgeschehen zusätzliche Würze geben können. Den 13 Clans werden somit nicht weniger als 17 Blutlinien beigefügt, die ebenfalls auf Doppelseiten ausführlich vorgestellt werden. Enthalten sind auch entsprechende Spezialdisziplinen, die einige der Blutlinien nutzen. Auch werden wir mit Antitribu und sämtlichen weiteren Blutlinien bekannt gemacht. Diese enthalten keine konkreten Regeln, allerdings Möglichkeiten, wie wir sie dennoch einsetzen können. Ein mehr als umfangreiches Kapitel, das potentiell weitere hunderte Stunden Szenarien enthält, denn die Spielleitung wird erneut auf unzählige Möglichkeiten hingewiesen, wie sie einzelne Elemente in eigene Chroniken einfügen kann. Super!

Der Appendix, also das inoffizielle 11. Kapitel, enthält „Vorzüge und Schwächen“. Diese hätte ich mir eigentlich lieber im Kapitel für die Charaktererschaffung gewünscht. Ausführlich werden alle möglichen Vorzüge und Schwächen vorgestellt, zudem mit konkreten Spielbeispielen oder Handlungsempfehlungen garniert. Sehr schön. Auch finden wir hier noch eine Charaktergenerierung und Hintergrundinformationen für Ghul-Charaktere. Besonders toll: Einzelne Ghul-Dynastien werden vorgestellt und beschrieben. Erneut eine Fundgrube für findige Spielleitungen. Und als wäre das immer noch nicht genug, schließt sich eine kleine Spielhilfe über Sabbat-Riten an, die ebenfalls vorzügliche Szenarien abgeben.

Den Abschluss des Bands bilden ein ausführliches Glossar über die Schlüsselbegriffe und ein Index, der bei der Masse an Material auch dringend erforderlich ist.

Fazit: Die V20 erfindet das Rad nicht neu. Das darf die V4 versuchen. Die V20 ist eine abschließende Edition der vorherigen Ausgaben von Vampire: Masquerade. Und diesem Anspruch wird sie gerecht. Ist das ein gigantisches Buch, viel zu ausführlich und viel zu vollgestopft mit Informationen und für den praktischen Einsatz am Spieltisch völlig ungeeignet? Sind die Charaktererschaffung und das Regelwerk furchtbar altbacken und umständlich? Ja, zu all diesen Punkten.
Ich möchte aber erklären, warum ich das Buch dennoch für ein Meisterwerk halte. Da wäre nicht nur die unendliche Liebe zum Detail und zum Setting als Solchen, sondern auch die vielen expliziten Verbesserungen und Ergänzungen. Ich habe selten ein so vollständiges Grundregelwerk in der Hand gehabt, wo sowohl Settingbeschreibung als auch Regelwerk so vollständig und zufriedenstellend zusammenkommen. Das Buch „atmet“ auf (fast) jeder Seite das Setting; gibt der Spielleitung an nahezu jeder Stelle Hilfestellung oder Inspiration. Wie bereits erwähnt beeindruckt die Ausgabe auch dadurch, dass hier nichts gehetzt, nichts gestrafft wirkt, sondern einfach eine Lobpreisung und Krönung des Settings darstellt.
Lohnt sich die Anschaffung für Neueinsteiger? Unbedingt. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist unschlagbar. Wer die V20 sein eigen nennt, der benötigt im Grunde keine weiteren Bände, um viele Jahre lang zufriedenstellend Vampire: Masquerade zu spielen. Einzig das V20 Kompendium möchte ich noch zusätzlich empfehlen, ansonsten ist das Werk tatsächlich komplett.
Lohnt sich die Anschaffung auch für Veteranen? Unbedingt. Alles ist voll kompatibel mit früheren Werken; eure Maskeradesammlung wird nicht etwa entwertet, sondern erweitert.
Und auch der unhandliche Ziegelstein von einem Buch wird durch die Suchfunktion in der PDF-Ausgabe mühelos abgefedert. Dennoch kann man an der einen oder anderen Stelle natürlich die Kapitelreihenfolge hinterfragen. Auch die Blutlinien, die Antitribu und die Ghule, die gemeinsam mit weiteren Anhängen auf fast 100 Seiten kommen, hätte man gut und gerne auslagern dürfen. (Aber wer mag da schon meckern?)
Die Optik ist insgesamt sehr gut, allerdings an manchen Stellen etwas zu sehr retro. Einige der Illustrationen sind aus früheren Werken und mehr oder weniger Komplettausfälle. Das ist bei Vampire: Masquerade nichts neues. Aber die Clans- und Blutliniencomic-Zeichnungen sind eine Beleidigung des guten Geschmacks. Dafür gibt es definitiv Punktabzug.
Auch die Übersetzung ist weitestgehend gelungen, hier hat man auf Bewährtes zurückgegriffen. Auch Rechtschreibfehler findet man so gut wie gar nicht. Hier wurde sauber und umsichtig lektoriert. Für Ulisses Umgang mit den Ausdrücken wie „Küken“ und Co. gibt es den angekündigten Abzug.

Was bleibt ist ein durchweg positiver Eindruck. Das Buch ist ein Muss für jeden Vampire-Spieler und die definitive Edition für die klassische Maskerade. Mit rund 40 € für die PDF-Ausgabe ist das Werk obendrein auch noch bezahlbar, hier sollte jeder zuschlagen, der es nicht bereits über Crowdfunding sein eigen nennt.

Barbarische Bewertung: (7/10)
Ein Barbar hat sich bei den Comicillustrationen übergeben müssen, ein weiterer lacht immer noch über die „Küken“ und „Prinzen“ der deutschen Übersetzung und einen Dritten stören die überarbeiteten, aber nach wie vor altbackenen Regeln, die 2015 einfach nicht mehr zeitgemäß sind. Bleiben trotzdem noch 7 von 10 Barbaren mit spitzen Zähnen!(Originalausgabe: 8 von 10)

Zweite Meinung gefällig?
Infernal Teddy hat bei „Neue Abenteuer“ eine zweiteilige Rezension zum Grundregelwerk verfasst. Teil 1 und Teil 2.
Seinem Fazit kann ich mich zu 100 % anschließen:
„Mit diesem Buch sollte einem der einflussreichsten Rollenspiele in der Geschichte des Hobbies ein Denkmal gesetzt werden. Das ist gelungen. Die Jubiläumsausgabe […] ist ein geradezu erschlagendes Werk sowohl von der Seitenzahl her als auch von der Bandbreite dessen, was innerhalb dieser Seiten erfasst worden ist. […] Zu meckern gibt es eigentlich nur wenig – dass es mit dieser V20 keine großen Regeländerungen sondern bestenfalls Schönheitskorrekturen [geben würde] hätte jedem im Vorfeld wohl klar sein müssen. Das auch an den alten, zum Teil wirklich haarsträubenden Begriffen aus den alten Übersetzungen festgehalten werden würde wohl leider auch […] Final muss man ganz klar sagen, wer […] Fan dieser Spielreihe war, vielleicht sogar nach einem Ersatz für seine Bücher sucht, weil diese vor lauter Gebrauch schon auseinander fallen, der kommt eigentlich nicht um dieses Buch drum herum […] Wer allerdings auf große Neuerung oder gar auf die Fortsetzung des Metaplots gehofft hat, dem sei empfohlen auf die an der GenCon angekündigten 4. Edition zu warten.“

Update vom 30.12.15: Ulisses hat heute angekündigt, dass aufgrund der neuen Lizenzlage die PDFs günstiger angeboten werden können.
Das Regelwerk ist nun bereits für 19,99 € zu haben.
Dafür gibt es eine uneingeschränkte Kaufempfehlung!


Bildquelle: 
Meine Kamera und ich

Ros(t)ige Zeiten… V20: Staub zu Staub

Nach gefühlten Ewigkeiten kehrt Vampire the Masquerade auf den deutschen RPG-Markt zurück. Vor allem dank Ulisses, die mit einer beispielhaften Crowdfunding-Kampagne die deutsche Übersetzung absichern konnten und in Kürze die Basisbände der legendären 20th Anniversary Edition veröffentlichen werden.

Eines der Stretch Goals des Crowdfundings umfasste einen Abenteuerband, der thematisch an den Uralt-Szenarioband „Chicago by Night“ anschließt und Nachfolger des Szenariobands „Asche zu Asche“ ist.

„Staub zu Staub“, bzw „Dust to Dust“, wurde als PDF-Version vorab veröffentlicht und steht uns „Backern“ nun seit einigen Wochen zur Verfügung. Am letzten Wochenende nahm ich mir die Zeit, das Werk auf Herz und Nieren zu prüfen. Das Werk kommt auf nur 58 (statt der angekündigten 80) Seiten daher, ist (fast) durchgehend farbig illustriert und in puncto Layout kaum vom thematischen Hauptwerk, „Chicago by Night: 2nd Edition“ von 1993 zu unterscheiden, das mir in Originalausgabe vorliegt. Genauer gesagt: Es gibt quasi keinerlei optische Entwicklung zwischen beiden Bänden, was, nach Informationen durch André Wiesler auch nicht möglich war: Ulisses erhielt die Erlaubnis lediglich eine Übersetzung anzufertigen; etwaige gestalterische Freiheiten wurden dem deutschen Verlag leider nicht gewährt. Schade drum, aber immerhin wirken nun beide Bände, trotz 22 Jahren Differenz, als wären sie gerade vom selben Layouter gekommen. Bei den Illustrationen gilt erneut: Glanz und Elend liegen nah beieinander. Einige Grafiken enstammen den klassischen Werken, einige sind neu und entsprechend großartig, andere eher hingeschmiert. Insgesamt aber nichts, was mit Punktabzügen bestraft werden müsste.

Inhaltlich möchte ich weniger auf die Story, sondern vielmehr auf das Setting eingehen, um Spoiler zu vermeiden.
Angesiedelt ist das Abenteuer im sogenannten „Rust Belt“ in der Stadt Gary, im US Bundesstaat Indiana. Gary liegt nur wenige Meilen südlich der Metropole Chicago und war bereits 1993 ein Zankapfel zwischen den Kindern der Nacht.
Dieser Streit hat mittlerweile kuriose Züge angenommen, denn die ehemalige Stahlhochburg Gary ist mit der wirtschaftlichen Rezession stellenweise zur Geisterstadt geworden. Wer den Vampirfilm „Only Lovers left alive“ gesehen hat, der in einem ähnlichen Setting des Rust Belt, der ehemaligen Autostadt Detroit spielt, der hat eine Vorstellung davon, wie sich die Atmosphäre des Settings anfühlt und wie absurd es erscheint, dass sich die Unsterblichen an eine sterbende Stadt klammern. Leider findet die Stadtbeschreibung kaum Platz, so dass man sich im Zweifelsfall mit der Wikipedia genaueres Wissen über Gary anlesen muss. So ist beispielsweise keine Stadtkarte enthalten. Schade.

Das untote Personengeflecht beinhaltet einige alte Bekannte, deren Motivationen und Handlungen im 93er Band erschöpfend dargestellt wurden. Staub zu Staub bleibt der bekannten Linie treu und ergänzt hier und da weitere Charaktere, die gewissenhaft und ausführlich dargestellt werden. Zu gefallen wissen auch die Materialien für die Spielleitung, die sowohl Übersichten von Figurenkonstellationen, als auch Szenenabfolgen darstellen. Abgerundet wird das Material mit konkreten Szenenkarten und mit fertigen Charakterbögen für die handelnden Vampire.

Die Geschichte als solche ist spannend, wendungsreich und nachvollziehbar; Eingriffmöglichkeiten für die SCs sind ebenfalls vorhanden. Das Werk führt aus, wie sich einzelne Handlungen der Spieler auswirken könnten und gewährt der Spielleitung zahlreiche Hilfen in Form von Exkursen oder Materialien.

Ein großer Nachteil in der Verwertung dieses Abenteuers liegt allerdings darin, dass es eng mit dem Chicago-Hintergrund verknüpft ist. Die Spielleitung wird auf Seite 9 zwar motiviert, die Geschichte zu modifizieren, nichtsdestotrotz funktioniert sie eigentlich nur in Gary. Eine „Umwidmung“, mit der sich die Geschichte beispielsweise in Deutschland spielen ließe, ist meines Erachtens gar nicht möglich, da sie vor allem von den Auswirkungen und der Umgebung des Rust Belts lebt; ein vergleichbares Grundsetting lässt sich in Europa nicht herstellen. Ich könnte mir aber vorstellen, sie innerhalb einer anderen Stadt des Rust Belts anzusiedeln.
Die Verknüpfung mit dem Chicago-Hintergrund ist auch dahingehend problematisch, als dass ohne Bände wie „Chicago by Night“ oder auch die „Chicago Chronicles“ das Abenteuer etwas in der Luft hängt. Ich möchte nicht sagen, dass die alten Regional- und Szenarienbände unbedingt benötigt werden, aber sie sorgen definitiv für ein glaubwürdigeres Gesamtbild.

Insofern ist der individuelle Nutzen des Bandes auf einen sehr engen Personenkreis eingegrenzt. Schaut man aber auf das Preis-Leistungsverhältnis, reißt das vieles raus: Crowdfunding-Unterstützer erhalten Staub zu Staub nämlich gratis, sowohl als PDF, als auch als Totholzausgabe. Und ich freue mich sehr, bin ich doch Riesenfan des Chicago-Settings.
Wer mit dem Setting aber nichts anfangen kann, dafür aber Wert auf modernes Layout und nicht zuletzt universelle Verwendbarkeit legt, der freut sich höchstens über ein hübsches Gratis-Buch im Vampirregal.


Barbarische Bewertung: (8/10) (6/10)
Du leitest eine Chicago- oder Gary- oder allgemein Rust Belt-Chronik und/oder besitzt die alten Chicago-Bände?
Dann sind 8 von 10 Barbaren der Meinung, dass du mal reinschauen solltest. Allen anderen kann das Buch höchstens als Ideensteinbruch dienen. Und zwei Barbaren machen sich bei der Aussicht auf harte Arbeit aus dem namensgebenden Staub, so dass nur noch 6 von 10 Barbaren mit rostigen Hämmern übrig bleiben.

Zweite Meinung gefällig?
Infernal Teddy geht bei „Neue Abenteuer“ hart mit dem Abenteuer ins Gericht: „Reden wir nicht groß um den heißen Brei: dieses Abenteuer ist Mist. Die erste Hälfte von Staub zu Staub, die Einleitung, ist durchaus gelungen […] Schade nur, dass dieses Abenteuer so ein unzusammenhängender Haufen Mist ist, bei dem bis zum Ende nicht klar ist, was die Charaktere eigentlich so treiben sollen oder was das Ganze überhaupt mit ihnen zu tun hat.[…] Falls ihr also nicht beim Crowdfunding mitgemacht habt und euch jetzt überlegt ob ihr dafür Geld ausgeben wollt: kauft euch dafür lieber einen neuen Satz Würfel, da habt ihr mehr davon.“ Seine vollständige Rezension lest ihr hier.