Preview: HeXXen 1733 – Ein exklusiver Einblick

Vor wenigen Tagen startete endlich das Crowdfunding zum wohl spektakulärsten und innovativsten deutschsprachigen Rollenspielprodukt, das sich seit den seligen Zeiten der „Chroniken der Engel“ auf den Markt begibt. Die Rede ist von HeXXen 1733, dem professionellen Nachfolger des einstmaligen Ein-Mann-Fanprojekts HeXXen 1730. Das ungewöhnliche Setting wird bei meinem Lieblingsverlag, Ulisses Spiele, erscheinen und verspricht ein echter Knüller zu werden!
Mit Mirko Bader, einem alten Fanautor-Kollegen, der Erschaffer und verantwortlicher Redakteur des Settings ist, spreche ich seit einiger Zeit über die alten und neuen Spielelemente und Mechaniken des wundervollen HeXXen 1733, das gerade von einem Crowdfunding-Ziel zum nächsten stürmt.
Vor nunmehr zwei Jahren hatte ich bereits eine Review zum Vorgänger verfasst und Mirko gewährt mir seither Einblicke in jene Dinge, die gleich geblieben sind oder sich mittlerweile geändert haben. Heute wird es Zeit für eine Preview des Nachfolgers. 

Solltet ihr noch überlegen, ob ihr ebenfalls zuschlagen sollt, kann ich euch diese Entscheidung bereits jetzt abnehmen: Ja, ihr sollt. 😉 Geht zur Funding-Seite, schmeißt all eure Gulden in die Waagschale und kommt anschließend zurück, damit ich euch erzählen kann, was ihr im nächsten Jahr wundervolles erwarten dürft.

Fertig? Auf geht’s!

Worum geht es, bei HeXXen 1733?
Schöner als Michael Mingers, im aktuellen DORPCast, kann man es im Grunde nicht formulieren: „1640, während des Dreißigjährigen Krieges, machen ein paar Söldner in nem Kloster irgendwie nen Deckel auf und da kommt die Hölle raus und ganz Mitteleuropa geht den Bach runter.“ 😉
Tatsächlich speit dieser Höllenschlund fortwährend Unheil in die Welt der Frühen Neuzeit, bis sich die heldenhaften Verteidiger der Menschheit schließlich zum Gegenschlag rüsten. Die Spielhandlung setzt fast 100 Jahre später ein, im Jahr 1733, wo sogenannte Jäger dem dämonischen Gezücht mit Feuer, Schwert, Muskete und ihren Jägerkräften zu Leibe rücken. In Jagdgruppen von üblicherweise 4 Spezialisten geht es fortan auf Dämonenjagd im europäischen Barock.

Das Hauptaugenmerk liegt tatsächlich weiterhin auf cinematischem Popcorn-Rollenspiel; die Abenteuer der Jäger orientieren sich an Filmen wie Brother’s Grimm, Hänsel & Gretel: Hexenjäger oder auch Sleepy Hollow und The Hunstman & The Ice Queen. Dabei ist HeXXen 1733 alles andere als ein Dungeon Crawler; so soll ein interessantes und innovatives Freizeitsystem auch abseits der Monsterjagd für gute Stimmung sorgen.
Ob die Charaktere lernen, heilen, musizieren, neue Tränke brauen oder ihre Garderobe vervollständigen: Alles soll einer Mechanik folgen, die auch für unerfahrene Spielleitungen (hier HeXXenmeister genannt) zu bewältigen ist und gleichzeitig die Spielercharaktere dazu animiert, tatsächlich etwas zu tun. Ein gelangweiltes „Wir gehen in die Stadt, suchen uns eine Herberge und am nächsten Tag geht es weiter…“ wird somit kein Spieler zu sagen wagen, denn die Freizeitaktionen werden zu einer relevanten Ressource, die nicht verschwendet sein möchte.

Doch wen spielen wir überhaupt, bei HeXXen 1733?
Unsere Helden sind jene tapferen Jäger, die zumeist eine turbulente Vergangenheit hinter sich haben und oftmals durch tiefe Einschnitte in ihrem Leben ins Jagdgeschäft geraten sind. Mirko verspricht, dass wir die zehn ikonischen Helden, die uns durch die Werke begleiten, auch als Archetypen spielen dürfen. Bei den Archetypen soll es übrigens ein Wiedersehen mit einigen der damaligen Helden geben: Klara, Johann und Co werden wohl wieder mit von der Partie sein. Übrigens spielt das Geschlecht, wie im Vorgänger, kaum eine Rolle. Obwohl von Gleichberechtigung in unserer Realität des 18. Jahrhunderts keine Rede sein konnte, hat die Konfrontation mit dem Bösen – zumindest unter den Jägern – die Geschlechtergrenzen aufgeweicht. Auch die Stände sind innerhalb einer Jagdgruppe zwar oft genug Anlass für gelungenes Konfliktspiel, aber im Angesicht von Dämonen ist es nicht sehr zuträglich als Blaublütiger seine Gefährten wie niedere Dienerschaft zu behandeln. Jeder der ikonischen Charaktere ist zudem mit einem reichhaltigen Hintergrund ausgestattet; wir sollen beispielsweise Einblicke in den entscheidenden Wendepunkt in ihrem Leben nehmen können, der sie zum Jäger machte. Viele Hintergründe betrachten wir im Verlauf des Buches durch die Augen der ikonischen Jäger, wenngleich auch das einstige Hintergrundkapitel, das damals zwar stimmungsvoll, aber etwas knapp daherkam, diesmal in aller Ausführlichkeit das barocke Europa des frühen 18. Jahrhunderts abbilden soll.

Die Jägergenerierung
…erfolgt abermals in einzelnen Schritten, wie man es von anderen Rollenspielen gewöhnt ist. Eine Besonderheit bei HeXXen ist, dass die Profession erst auf der zweiten Stufe hinzukommt; wir werden also die Gelegenheit bekommen, Teile unserer Charaktererschaffung aktiv auszuspielen. Großartig! Wichtiger als die Profession ist aber zunächst die individuelle Motivation eines Jägers. Sie legt primär fest, wie der Jäger tickt und womöglich auch, was ihn zu einem Leben als Jäger veranlasst hat. Sind wir auf der Flucht vor Strafverfolgung? Sind wir besonders fromm und deshalb motiviert, dem unheiligen Gezücht an den Kragen zu gehen? Oder einfach besonders fürsorglich? Wir haben die Wahl aus dutzenden dieser Motivationen. Nicht auszuschließen, dass mit Zusatzbänden weitere eingeführt werden. Das Charakterprofil auf dem schmucken Jägerbogen, den wir bereits auf der Crowdfundingseite bewundern dürfen, ist eher klassisch angelegt. Es gibt Attribute und Fertigkeiten, deren Zusammenspiel über Erfolg und Misserfolg bei rollenspielüblichen Proben entscheidet.

Die zweite Wahl, die wir zu treffen haben, ist die Frage nach der Rolle, die wir im Jägertrupp einnehmen. Zu den sechs Rollen in 1730 haben sich mittlerweile ein paar weitere hinzugesellt. Jede der Rollen definiert sozusagen unsere Aufgabe innerhalb der Gemeinschaft. Sind wir beispielsweise lieber Priester, Alchemist, Attentäter oder Konstrukteur? Jede Rolle, (die man in anderen Spielen auch als Klassen bezeichnet), eröffnet uns fortan individuelle Fähigkeiten, Jägerkräfte genannt, sowie klassenspezifische Ausrüstung und Fertigkeiten. Ein Alchemist kann beispielsweise Tränke für sich und die Gruppe herstellen, da er ein mobiles Labor mit sich führt, das er im Rahmen des Freizeitsystems liebevoll hegt und pflegt. Ein Konstrukteur baut sich abenteuerliche Exoskelette, die er mit seltsamen Apparaturen bestückt, um einen Hauch von da Vincis Tüfteleien zu versprühen oder gar eine proto-industrialisierte Steampunkvariante in das Setting zu bringen. Die Absolventen der Sorbonne haben bereits im Vorgänger mit abgefahrenen Ideen geglänzt. Nun soll es noch innovativer werden. Freilich können sämtliche Fähigkeiten durch Professionen und Spezialisierungen immer weiter individualisiert werden, so dass die Anzahl möglicher Charakterkonzepte schier unendlich ist. Diese Einschränkung bei den Charakterkonzepten hatte ich bei 1730 noch kritisiert.
Das Aufstiegssystem (Steigern, Leveln) unterstützt diese Individualisierung und verfolgt somit nicht nur eine vertikale (Werte verbessern sich), sondern auch horizontale Progression: Ähnlich des alten Warhammer-Rollenspiels oder des Warhammer 40k Ablegers Schattenjäger schalten wir innerhalb unseres „Skilltrees“ weitere Fähigkeiten und Spezialisierungen frei, die uns nicht einfach nur individuell stärker machen, sondern vor allem die Jägergruppe als Ganzes. Es soll außerdem Erfahrungsbereiche geben, ähnlich wie bei DSA5, mit „erfahren, kompetent, usw.“, die nicht nur die Schwierigkeit eines Abenteuers anzeigen, sondern auch gleichzeitig neue Optionen eröffnen.

Synergien im Kampf und außerhalb
Wie kaum ein anderes Spiel, frönt HeXXen 1733 weiterhin der „Holy Trinity“, wie wir sie aus Multiplayer- oder Online-Rollenspielen kennen: Das Zusammenspiel aus Tank, Healer und Damage Dealer; dem sich am Besten ein Gesellschaftscharakter anschließt, um auch außerhalb des Kampfes zu glänzen. Wer jetzt zunächst abwinkt, sei beruhigt: Jede Klasse hat zwar ein primäres Aufgabenfeld, es spricht aber nichts dagegen, den Charakter dergestalt zu individualisieren, dass ein Allrounder entsteht. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir ein Konstrukteur, der sein Exoskelett mit Panzerplatten ausstattet, um eine schwere Rüstung zu haben und somit die Aufgabe als Tank wahrzunehmen. Kaum zieht er an einer Schlaufe, fallen die Panzerplatten ab und er verwandelt sich bedarfsweise in einen gewandten Damage Dealer. Und Sprungstiefel und Wurfhakenschleuder machen ihn auf Wunsch so flexibel, dass er sogar als Attentäter fungieren kann, der überraschend von der Flanke aus angreift. Die starre Unterteilung, wie im Vorgänger, ist somit passé.

Auch die flüssigen Erzeugnisse des Alchemisten sind sowohl als Geschosse (es soll Säuren, Molotow-Cocktails usw. geben) als auch Tränke nutzbar (Heiltränke, Gifte etc). Andere Rollen (wie auch schon im Vorgänger: die Priester) verteilen Segnungen oder strategische Vorteile; und auch die Rolle des Nahkämpfers kann in unterschiedliche Richtungen ausgeprägt werden. Als Feldsanitäter soll er beispielsweise ebenso gut taugen, wie an vorderster Front. Die Kombinationen sind quasi endlos und zusätzlich sollen auch klassische Vor- und Nachteile wieder mit dabei sein, mit denen weiter getüftelt werden kann. Selbstverständlich bietet HeXXen 1733 auch eine riesige Zahl von Zuständen (Buffs und Debuffs), sowie ein halbes Dutzend unterschiedliche Schadensarten und Anfälligkeiten, was das Experimentieren – auch zwischen den Jägern – zu einer äußerst lohnenden Angelegenheit machen dürfte.

Erwähnenswert im Zuge der Spielmechaniken ist außerdem, dass HeXXen 1733 kein klassisches Schicksalspunkte-System beinhaltet. Stattdessen gibt es andere Ressourcen, die für spektakuläre Aktionen, Rettungen in letzter Minute oder zündende Ideen sorgen: Coups, Ideen und Espritkräfte sind das Salz in der Suppe. Glaubt man den bisherigen Testspielern, soll es ein wahnsinnig gutes System sein. Hier wurde das innovative System aus 1730 fortgeführt. Ich bin sehr gespannt, ob die Kämpfe auch weiterhin so flott ablaufen werden. Den Schicksalspunkt als letzte Rettung braucht es vermutlich ebenfalls nicht: Denn obwohl das innovative Würfelsystem (mit Espritwürfeln, Januswürfeln und Co) fulminant ist und auch die Jäger mitunter rasch im Staub landen können, sind Charaktertode eher selten. Ein Jägercharakter stirbt nur, wenn die gesamte Jägergruppe in einem Kampf ausgelöscht wurde oder er, unter noch lebenden Feinden, von seiner Gruppe zurückgelassen wird. Ersteres dürfte recht selten vorkommen, kann aber im Rahmen eines Himmelfahrtskommandos ins dämonische Höllenreich Markovia durchaus einen eigenen Reiz entwickeln. Zweiteres sorgt wiederum für Konfliktspiel innerhalb der Gruppe, die sich zurückgezogen hat und mit der aufgeladenen Schuld zu leben hat.

Mon dieu! Was für eine Atmosphäre!

Wo wir gerade bei Idee, Coups und Esprit sind: HeXXen 1733 frönt weiterhin einer herrlichen Frankophilie. Überall sollen uns stimmungsvolle Gallizismen beglücken, mit etwas Glück soll sogar ein kleines Kapitel über französische Sprichwörter den Weg in eines der Bücher finden, damit unsere Jäger (wie die DSA-Geweihten, mit ihren Vademecums) stilvoll parlieren können. Wo unsere heutige Zeit von englischen Begriffen geprägt ist, erinnert uns Mirko daran, dass noch vor wenigen hundert Jahren das Französische zum guten Umgangston gehörte. Und wenn wir vom historischem Hintergrund sprechen: Was trägt man eigentlich so, im Barock? Wir werden es erfahren. Denn die Kleidung soll sogar konkrete Auswirkungen haben und keinem Selbstzweck dienen. Für Kleidungsstücke, die wir im Set tragen, soll es Sonderregeln geben, die vor allem das gesellschaftliche Spiel fördern, uns aber auch im Kampf mit interessanten Boni versorgen.
Atmosphäre! Das war auch im Vorgänger bereits die Seele des Settings. Grund genug, an dieser Stellschraube weiter zu drehen: Wundervolle Stimmungstexte, viele historische Exkurse und immer wieder stimmungsvolle Zitate der ikonischen Jäger sollen sich durch alle Werke ziehen. Das ist im Vorgänger noch etwas kurz gekommen, also freue ich mich hierauf besonders. Auch die unterschiedlichen Interessensgruppen und potentiellen Auftraggeber, wie die Faustgesellschaft, werden weiter ausgebaut und gewinnen an Profil. Wunderbar!

Fazit
HeXXen 1733 stößt in eine bislang vollkommen vernachlässigte historische Zeit vor, wie ich es bereits vor zwei Jahren zum Vorgänger 1730 ausgeführt habe. Das ganze wirkt so neu, frisch und innovativ, dass man sich kaum noch zurückhalten kann, nicht umgehend eine HeXXen-Runde zu gründen oder selbst Material zu verfassen. Umso schöner die Meldung, dass mit den erreichten Crowdfunding-Goals mittlerweile auch ein Fanportal freigeschaltet wurde, das, ähnlich des Scriptorium Aventuris, die Publikation von Fanmaterial ermöglichen wird. Es wird uns also vergönnt sein, wie im Scriptorium Aventuris, Abenteuer, Spielhilfen und Geschichten anzubieten.

Persönlich freut mich das alles ungemein, denn meine ursprünglich für HeXXen 1730 erstellten Fanabenteuer Georg Friedrich Händel: Exorzist und das Kurzabenteuer Der letzte Sendschöffe können nun problemlos für 1733 erscheinen; vielleicht erstelle ich sogar eine kleine Anthologie. 😉 Und eine Sonderausgabe der Sieben Kreuzer, mit Schauergeschichten aus dem Barock, ist ebenfalls beschlossene Sache.

Um es auf den Punkt zu bringen: Ich bin absolut heiß auf dieses neue Setting und System und kann das Ergebnis kaum erwarten. Spätestens jetzt empfehle ich jeder und jedem, das Crowdfunding zu unterstützen, damit HeXXen einen fulminanten Start erhält und zu einem riesigen Erfolg wird.

Au revoir, chasseurs! Le Seigneur soit avec vous!

Beitragsbild: HeXXen 1733. Mit freundlicher Genehmigung von Ulisses Spiele. 

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Ulisses: Gefälligkeitsrezensionen oder Liebesentzug?

Skandal, Skandal! 😉 DSA 5 polarisiert. Die neue Edition des Schwarzen Auges hat wundervolle Produkte hervorgebracht, wie die Regionalspielhilfe zu den Streitenden Königreichen. Ich selbst bin vom Grundregelwerk und Almanach sehr beeindruckt und leite auch bereits eine DSA5-Runde, die gerade „Neue Bande & Uralter Zwist“ erlebt. Innerhalb des vergangenen Jahres habe ich in Foren und in der Community gerne mal den Nörglern und Hatern auf die Füße getreten, wenn die Haterei etwas abstruse Formen annahm. Das ist in den letzten Wochen schwieriger geworden, denn die jüngsten Veröffentlichungen (vor allem Kompendium und Rüstkammer) scheinen in der Qualität stark abzufallen. Ist vielleicht der Produktausstoß zu groß geworden und die Zeit für die Qualiätskontrolle zu gering? Im Orkenspalter-Interview räumt Markus Plötz sogar höchstselbst ein, dass hier und da Fehler gemacht wurden; eine erstaunliche Selbstkritik, denn DSA segelte im Vorfeld von Erfolg zu Erfolg.

Was wir ebenfalls in den letzten Monaten erleben konnten: Fleißige Rezensentinnen und Rezensenten bemühten und bemühen sich, den Dschungel des Publikationsdickichts etwas zu lichten und die werte Spielerschaft vorurteilsfrei und (scheinbar) unbeeinflusst zu informieren. Gerne kam dabei auch mal ein Rant heraus, sei es gegen Ulisses‘ Veröffentlichungspolitik, oder eben gegen die Hater.

Der Rant gegen die Aventurische Lawine, wie es Blogger und Forenuser Infernal Teddy bezeichnete, wurde ebenjenem nun zum Verhängnis, wie Arkanil berichtet. Der Vorwurf: Ulisses beliefere die Homepage Neue Abenteuer nicht mehr mit Rezensionsexemplaren. Auf Anfrage hieß es, dass man mit dem Lawinen-Artikel nicht einverstanden sei. Whoa! Der Rezensionsexemplarstopp betrifft übrigens nicht nur DSA, sondern sämtliche Werke aus dem Hause Ulisses. Whooa!! Wenn dies tatsächlich der Fall sein sollte, wäre es schon ein starkes Stück. Denn Ulisses offenbart hier eine Dünnhäutigkeit, die ich ihnen nicht zugetraut hätte, insbesondere, da der Blogpost als Gastbeitrag gekennzeichnet war und in Form und Inhalt vom üblichen Rezensionsmodus bei den Neuen Abenteuern abwich. Der Blogpost triefte vor Ironie, Sarkasmus, Ranting und Spott; da steckte weder ein Funken journalistischer Anspruch noch eine Rezensionsabsicht dahinter. Infernal Teddy ist zudem erklärter Nicht-DSAler und hat lediglich die Perspektive eines Außenstehenden in einer Glosse dargestellt und kein konkretes Produkt rezensiert. Es wurde auch kein Redakteur, Autor oder Ulisses-Mitarbeiter beleidigt oder auch nur erwähnt. Teddy schrieb sinngemäß, (aus seiner DSA-Hater-Perspektive, die bereits vor der Fünften Edition verfestigt war), dass sich die Anzahl der Regionalspielhilfen stark erhöht habe und er das doof findet, weil er nicht mit nem Rollkoffer zum Spielabend möchte. Das reicht also bereits, um bei Ulisses auf der Blacklist zu landen, nachdem man jahrelang ausgeglichene und objektive Rezensionen verfasst hat?
Ein herzhaftes WTF!? darf einem da schon entweichen…

Sicherlich, ein vielbeachteter Blogpost kann schonmal die Runde machen… Mein Rant an die Rüstkammergegner wurde von einer vierstelligen Personenzahl angeklickt, ebenso meine Rezension zum Grundregelwerk; wir Blogger sind Meinungsmacher und Stimmungsbarometer und durch unsere Reichweite nicht zuletzt auch Multiplikatoren, wenn ein Produkt mal besonders gut bewertet wird.

Die Wichtigkeit von Rezensenten ist daher nicht zu unterschätzen. Das alles scheint nun aber nur dann gut und schön zu sein, so lange man „gefällig“ schreibt.. Ich finde, dass polemische, emotionale und subjektive Ausfälle ab und zu genauso unterhaltsam und genauso wünschenswert sind, denn man schreibt nicht für das Wohl und Wehe eines Verlags, sondern für die Community.

Ich schlage mich bei dem Thema bewusst auf keine Seite; auch wenn mich die scheinbare Beeinflussung durch Ulisses wirklich betroffen macht. Andererseits profitieren Blogseiten von Rezensionsexemplaren; es ist so ziemlich die günstigste Möglichkeit gratis an einen Haufen Rollenspielzeug zu kommen und sogar Sachen kennen zu lernen, die man sonst nicht angeschaut hätte. Es ist so wie mit dem Tellerwaschen, anstelle das Essen zu bezahlen. Es ist vom Gastgeber, in diesem Fall Ulisses, abhängig, ob sie auf diesen Deal eingehen oder nicht.

Ich enthalte mich aber vor allem deshalb der Parteinahme, da ich von Beginn an entschieden habe, dass ich Rezensionsexemplare nur für Independent- und Fanprodukte annehme und diese Seite nicht nutze, um mir günstig das Hobby zu finanzieren. Meine damalige Begründung war, dass ich unabhängig sein möchte und mir von niemanden reinquatschen lasse, was ich zu denken und zu schreiben habe. Das waren damals edle, aber hohle Worte. Denn man wusste ja, dass kein Verlag so kurzsichtig sein könne, dem Rezensenten eines Onlinemediums Gefälligkeitsrezensionen abzufordern, um bei Nichtbeachtung mit Liebesentzug zu reagieren.

Heute wissen wir: Das gibt es (mutmaßlich) tatsächlich. Und das wird es Ulisses nicht leichter machen, nach den desaströsen Veröffentlichungen der letzten Wochen die Herzen der Fans zurückzugewinnen. (Ja, ich bin DSA5-Fanboy und selbst ich spreche von desaströs.) Man hat den Eindruck, als habe die Reaktion auf die (berechtigte) Kritik an den letzten Publikationen nicht zu einer Einsicht und stärkeren Einbezug der Fans geführt, sondern zu einem eher verschnupften Verhältnis. Man ist schon ein wenig eingeschnappt, habe ich den Eindruck. Das aber an den Bloggern auszulassen, die letztlich nur die Überbringer schlechter Nachrichten sind und in besseren Zeiten exakt diejenigen sind, die abertausende Fans zum Kauf bewegen, ist im besten Falle unglücklich.

Vielleicht sollte man bei Ulisses zwei alte Weisheiten beachten, bevor man nochmals zu solchen Reaktionen neigt:

Am besten kehrt es sich vor der eigenen Tür.

Und: Don’t shoot the messenger!

Nachtrag:
Mittlerweile haben sich einige DSA-Autoren und Offizielle zu Wort gemeldet. Während DSA-Autor Michael Masberg in einem Kommentar des Neue Abenteuer-Artikels die Unverständnis über den Ausschluss von Neue Abenteuer teilt, hat Michael Mingers von Ulisses das Vorgehen verteidigt. (Arkanil berichtet)
Infernal Teddy hat sich auch selbst noch einmal im Tanelorn-Forum zu Wort gemeldet.
Interessant ist außerdem noch, dass Markus Plötz in seiner Keynote zur Einführung des Regelwikis (mein Bericht dazu hier) äußerte, dass ein Hauptkritikpunkt an DSA5 die Verteilung der Regeln auf mehrere Bände sei und man aus diesem Grund das Regelwiki eingeführt hätte.
Das ist in zweierlei Hinsicht interessant:
Erstens trifft es genau den Kern des Problems, das Infernal Teddy als „Publikationslawine“ beschrieb (und dieser „Lawinenvorwurf“ war laut Michael Mingers der ausschlaggebende Punkt für die Sanktionen); zweitens hat Ulisses laut Markus Plötz exakt dieses Problem als Motivation für  die Erstellung der Regelwiki erkannt und genannt.

Für mich sieht es ganz so aus, als hätten beide Seiten das exakt gleiche Problem beschrieben und einfach nur kolossal aneinander vorbeigeredet.