Kurzpolemik vom Spielfeldrand: Die pöse, pöse Rüstkammer

Ob es in der Rüstkammer der Streitenden Königreiche auch was gegen einen Shitstorm gibt? Zu wünschen wäre es nicht, denn gebannt verfolgt die DSA-Szene hinter einem großen Eimer Popcorn das Geschehen in Blogs, Foren und Produktrezensionen. Endlich hat Ulisses wieder einen Sandsack rausgebracht, an dem man sich zünftig abreagieren kann! Yeah!

Ein Handelsherr und ein Kiepenkerl liegen bereits verwest im Straßengraben der Reichsstraße 1; neben sich eine blaugeprügelte geschichtliche Abhandlung und schon wird fleißig auf beiden Straßenseiten – fein säuberlich nach Königreich getrennt – an einem Galgen für die niederhöllischen Zeugwarte und Festungsschmiede der Flunderköppe und Waldschrate gezimmert.

Wir sehen es: Die Aufregung ist groß. Aber was ist eigentlich passiert? Zusammengefasst hat sich Ulisses erdreistet, ein Artbook mit Bild- und Textinhalten herauszubringen, das sich seinerseits erdreistet, bereits in einer Regionalspielhilfe vorhandene Ausrüstung und Gedöns auf 32 Seiten hübsch aufbereitet zusammenzufassen und für göttergefällige 12 Euro als optionales Angebot der geneigten Spielerschaft feilzubieten.

Jehova!

Wer macht sich eigentlich gerade mehr zum Deppen? Die Leute, die Ulisses unterstellen, dass sie als Marktteilnehmer und nicht als Fanpublisher fungieren? Die Leute, die etwaigen Interessierten ein Werk madig reden wollen, was sie selbst für überflüssig erachten? Oder die Leute, die behaupten, dass niemand so bescheuert sein könne, soviel Geld für so wenig Gegenwert auszugeben? Oh, halt, das sind ja alles die selben Leute!

Mal ehrlich. Dass es immer wieder Fans gibt, die alles kaufen, einfach weil sie es können oder wollen und denen der Preis egal ist, kann Kritikern zwar egal sein; einem Verlag wie Ulisses aber nicht. Und so kann, nein, sollte (!) man sogar ein Stück bedruckte Pappe mit einem Werbeheftchen anbieten und dafür nicht 12 sondern sogar 15 Euro verlangen! Warum? Weil es gekauft wird. Punkt.

Denn ja, ihr rechtschaffend Empörten, es gibt einen Markt für optionales (in eurer Sprache: unnützes) Rollenspielzeug. Oder auch nicht. Darüber wird an der Ladentheke abgestimmt und nicht mit 1-Sterne Rezensionen.

Ich bin übrigens nicht dazu in der Lage, eine Rezension zur Rüstkammer zu verfassen. Ich finde die nämlich unnütz, überteuert und überflüssig. Genauso wie das Stück bedruckte Pappe für Vampire V20. Hab ich trotzdem beides im Regal stehen? Hab ich. Weil es gute Produkte sind, die mir gefallen.

Jeder nur ein Kreuz.
Ende der Durchsage.

 

 

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Wie wir Lestat die Axt in den Nacken hauen. V20: Gejagte Jäger

Kommen wir zur letzten Rezension im Rahmen der deutschen V20. Und die muss kurz ausfallen, da ich sonst zunächst ins Schwärmen und damit ins Schwafeln komme. Denn die V20 hat ihren heimlichen Höhepunkt. Und der heißt Die Gejagten Jäger II. Der dritte Hintergrundband, der die Crowdfunding-Kampagne abrundete, beschäftigt sich mit den sterblichen Antagonisten der Vampire. Vampirjägern!

Das Buch zählt 184 Seiten und ist damit auch das umfangreichste der drei Zusatzbände. Das Werk beginnt mit einem Einführungskapitel von stolzen 30 Seiten, in denen wir sozusagen Inplay an unsere Rolle als Vampirjäger herangeführt werden. Somit wird gleich die Stoßrichtung von Gejagte Jäger definiert: Denn das Buch ist zunächst aus der Perspektive der Sterblichen und für die Sterblichen verfasst. Als langjähriger Vampire-Spieler fühlt man sich alsbald in der Rolle des prächtig unterhaltenden Voyeurs versetzt, wenn man hier erstmals damit konfrontiert wird, was ein Veteranenjäger dem Nachwuchs über uns Blutsauger zu berichten weiß. Denn vieles von dem, was wir auf den 30 Seiten lesen ist zwar ganz nah dran an der innerweltlichen Realität, vieles zaubert uns aber auch ein breites Grinsen aufs Gesicht, wenn der Alte uns Dinge andichtet, die uns angeblich besonders verletzen sollen oder uns zuwider sind. Verdammt. Hab ich gerade „uns“ gesagt? Ja. Denn wir ertappen uns tatsächlich dabei, wie wir uns ein Stück weit in unsere vertraute Vampirrolle hineinversetzen und plötzlich mit Denkfehlern konfrontiert werden – oder von unserer eigenen Arroganz gegenüber den Menschen überrascht sind. Das ganze funktioniert HERRLICH – ein wundervoller und faszinierender Ansatz, um ein solches Werk einzuleiten; man kann es kaum weglegen.

Die Folgekapitel dienen u.a. der Charaktererschaffung eines Jägers, nicht ohne eine Menge Plotaufhänger einzubauen oder in kurzen Exkursen Verhalten, Motivation und Vorgehensweisen zu erläutern. Sogar auf digitale Fußabdrücke, Teamwork und das Erstellen eines Jägergruppencodex‘ geht man ein; denn schließlich kann man seinen Mitjägern genauso wenig trauen, wie dem übermächtigen Feind. Wie geht man mit Verrat um? Kann man eigentlich eine Vampirjagd planen? Wie findet man Gleichgesinnte? Wie findet man eigentlich Vampire? Und warum tut man sich den ganzen Mist überhaupt an? Wie spielen popkulturelle Referenzen wie Anne Rice, Buffy und Dexter mit unserer Paranoia? Sind solche Bücher, Filme und Serien heimliche Warnungen und Anleitungen von Gleichgesinnten? Ist der gegenwärtige popkulturelle Overkill mit Vampirkram vielleicht sogar eine bewusste falsche Fährte von IHNEN?? Mit anderen Worten: Hat die Camarilla Twilight finanziert?? Mit jeder Frage wird man als Leser paranoider und spinnt neue Gedankengänge. Und diese Fragen und Exkurse durchziehen das gesamte Buch. Nochmal verdammt! Ich WILL jetzt tatsächlich einen Vampirjäger bei Vampire: Masquerade spielen, (und ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde…)

Ein weiteres Kapitel widmet sich den sogenannten Numina. Dies sind – kurz und knapp – die Disziplinen der Menschen. Übersinnliche Kräfte oder Scharlatanereien, um den Blutsaugern auch auf der metaphysischen Ebene etwas entgegen setzen zu können. Wie alles im Werk ist auch dieser Abschnitt optional. Wer sich mit Pflock und Fackel dem Schrecken entgegenstellen möchte, kann das genauso versuchen, wie mit Cyberattacken oder Unterwanderung.

Ein umfangreiches Kapitel stellt die einzelnen Jagdgruppen und Organisationen vor, wie die altbekannte Leopoldsgesellschaft. Unnötig zu erwähnen, dass auch hier die Spielleitung ein Fundus an Ideen und konkreten Szenariovorschlägen um die Ohren gehauen bekommt. Wie reagiert die Mafia auf die Vampire? Was stellen Skinheads und Bikerbanden mit denen an? Oder, halt… Was ist, wenn die Unterwelt von IHNEN kontrolliert wird? Und was haben die CIA und die Illuminaten damit zu tun?

Und als wäre das alles noch nicht genug, gibt es sogar ein eigenes Kapitel, das uns noch mehr spannende Hintergründe präsentiert und eine Chronik organisieren lässt. Haarklein werden wir durch mögliche Szenarien geführt, die als Aufhänger einer Jägerchronik dienen können.
Vom Präludium, über die erste Begegnung mit den Blutsaugern, bis hin zum Erstellen und Durchführen eines Jagdplans, wurde an alle Eventualitäten; an List und Verrat und zwischenmenschliche Abgründe gedacht. Wahnsinn. Der Epilog ist erneut stimmungsvoll aus Inplay-Sicht beschrieben und knüpft an das Einführungskapitel an.

Den Abschluss bildet eine Sammlung von Beispielcharakteren. Im Gegensatz zu Kinder der Revolution wurden hier die Spielwerte nicht im Fließtext eingebaut, sondern ganzseitige Charakterbögen zur Verfügung gestellt. Sowas hätte ich mir für Kinder der Revolution gewünscht; hier ist es eine Selbstverständlichkeit. Toll.
Als allerletztes finden wir den Charakterbogen für Jagdcharaktere als Blanko-Kopiervorlage.

Das Buch kommt übrigens – wie alle Bücher der V20 – mit teils hervorragenden Illustrationen und einer perfekten Verarbeitungsqualität daher. Die Texte gehören zum Besten, was wir in dieser Edition lesen durften und kein Vergleich mit einigen Holprigkeiten in Kinder der Revolution oder auch im Hauptbuch. Auch hier haben die deutschen Übersetzer und Lektoren anständige Arbeit geleistet.

Als Grundlage der Rezension dienten die Deluxe-Ausgabe sowie die PDF-Version. Die Deluxe-Version kostet im Laden 54,95 €, die Hardcover-Ausgabe 39,95 € und die PDF-Version schlägt mit 19,99 € zu Buche.

Fazit
Gejagte Jäger II ist der Showstealer der deutschen V20. Ein wundervolles Buch, das ich kaum aus der Hand legen konnte. Der Inplaycharakter erinnerte mich an das bis heute unübertroffene Engel-Bestiarium „Traumsaat“ und zog mich unwiderstehlich mitten ins Setting. Ist das Ganze 40 oder sogar 55 Euro wert? Definitiv, denn Gejagte Jäger II ist eines der besten Vampire: Masquerade Bücher, die jemals erschienen sind!

Barbarische Bewertung: (10/10)
In seltener Eintracht können sich 10 von 10 Barbaren auf dieses Buch als absolutes Highlight der V20 einigen.
Ich spreche eine uneingeschränkte Kaufempfehlung aus!

Zweite Meinung gefällig?
Infernal Teddy hat sich bei „Neue Abenteuer“ ebenfalls das Buch vorgeknöpft und kommt zu einer etwas kritischeren Meinung, auch in Bezug auf die deutsche Übersetzung. Teddy kritisiert insbesondere den Aufbau des Bandes und dass alles etwas „kreuz und quer“ geht, hält es aber dennoch für eine „wunderbare Ideensammlung“.
Die ausführliche Rezension lest ihr hier.

Bildquelle:
Die Gejagten Jäger II, S. 92. Verwendung im Rahmen von Rezensionszwecken

Viva la what? V20: Kinder der Revolution

Der vorletzte Band, den ich im Rahmen der großen V20-Review vorstellen möchte, hat ein wenig „ruhen“ müssen, bevor ich ihn das zweite und dritte Mal in die Hand genommen habe. Eines vorweg: Ich habe mich VERDAMMT schwer damit getan, was die konkrete Verwendbarkeit des Buches betrifft, sowie die Formulierung mancher Texte anbelangt.
Das Buch will sich irgendwie keine große Mühe geben, uns zu gefallen…

Nähern wir uns dem Werk mit einer Aufzählung von Fakten: Kinder der Revolution zählt 134 Seiten und beinhaltet 18 Vampir Charaktere, die den Hintergrund von Vampire: Masquerade auf die Mikroebene fokussieren.
Das verbindende Element, die Revolution, tritt mal stärker und schwächer hervor. Gemeint können die „Klassiker“, wie die Französische Revolution, aber auch Aufstände oder die Anarchenrevolte sein.
Beim ersten Durchscrollen (ich hatte zunächst nur die PDF-Version) fiel mir etwas auf, was mir beim Blättern im Hauptbuch nicht ganz bewusst wurde: „That’s a bunch of white guys!“ Tja, man hat exakt eine Asiatin und einen Afroamerikaner (der zu Lebzeiten Baumwollpflücker in den Südstaaten war…) in den globalen Vampirreigen eingebaut, der Rest stammt zwar teilweise aus antiken Steppenvölkern, wird aber in allerbester Hollywoodmanier „white washed“ dargestellt.
Und anders als im Hauptbuch, das bei Darstellungen der 13 Hauptclans (plus Caitiff im Kompendium) ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis von 7 (weißen) weiblichen zu 7 (weißen) männlichen Charakteren präsentiert, sind die Männer der Revolution mit vier Vertretern in der Überzahl. Das wird einige Menschen stören und mindestens genauso viele überhaupt nicht. Erwähnenswert ist es allemal.

Lässt man die fehlende political correctness außer Acht, stellt sich auch bei der Clansverteilung die eine oder andere Frage nach dem „Warum“.
Bei 18 Charakteren hätte man annehmen können, dass alle 13 Clans abgedeckt würden und man die restlichen fünf mit „Exoten“ oder Blutlinien darstellt. Weit gefehlt. Die Giovanni und Ravnos gehen komplett leer aus, während einige Clans wie die Ventrue, Lasombra, Brujah, Malkavianer und Toreador gleich zweimal bedient werden. Und statt nun beispielsweise die Caitiff reinzubringen bekommen wir eine Kappadozianerin und einen Nagaraja.

Jeder dieser Charaktere wird auf mehreren Seiten, denen stets ein ganzseitiges Artwork vorausgeht, ausführlich vorgestellt. Wir erhalten einen detaillierten Einblick in die Lebensgeschichte der Person und werden in die Lage versetzt die Motive und Gedanken des jeweiligen Charakters nachzuvollziehen. Den Abschluss jeder Beschreibung bildet ein Charakterprofil im Fließtext (wieso nicht auf den schicken Charakterbögen??) mitsamt Werten und Hinweisen zur Darstellung.

Soweit erstmal zu den trockenen Fakten. An genau diesem Punkt war ich nach dem ersten Durchscrollen und Querlesen sowohl verwirrt als auch leicht enttäuscht und ziemlich ratlos, wann und wie ich die Informationen aus diesem Buch verwenden könnte.
Ich beschloss den Text ruhen zu lassen und auf die Lieferung der Deluxe-Bände zu warten, um mich an einem ruhigen Abend, bei einer Tasse Tee, noch einmal mit dem Werk zu beschäftigen.

Und das sollte sich als Glücksfall erweisen, denn KdR ist an vielen Stellen ein kleines Juwel. Einige der Biographien strotzen so vor intelligenten und stimmungsvollen Ideen, dass diese problemlos in eigenen Chroniken verbaut werden können. Auch die Optik schlägt noch einmal eine goldene Brücke zwischen der Intention des Autors und dem Kopfkino des Rezipienten: Kein Wunder, dass die Crowdfunding-Backer ein Begleitheft geschenkt bekommen haben, das Einblicke in die Entstehung der Artworks und Illustrationen bietet. Diese sind nämlich durchweg unglaublich gut und machen das Blättern in diesem Werk zu einer wahren Freude. Auch hier scheint man den Weg fortführen zu wollen, den man mit dem Kompendium eingeschlagen hat: Wir dürfen den Machern neugierig über die Schultern schauen.

Nichtsdestotrotz muss ich kritisch anmerken, dass sich die Biographien in ihrer Qualität DEUTLICH unterscheiden. Während einige Charaktere uns mit solider Standardkost versorgen (die Blockupy Aktivistin Lizette Cordoba oder den Ostblock-Revoluzzer Jaromir Cerny, sowie die durch die französische Revolution geprägte Laurette Morel), gibt es einige echte Rohrkrepierer, wie den Ventrue Andrew Seneca. Dieser hat den vermeintlich interessanten Twist, dass er als befreiter Sklave selbst Sklaven gehalten – und damit vom System profitiert hat. Laut Begleitband hat man ihn tatsächlich nur deshalb zum Afroamerikaner gemacht, da ein generischer weißer Südstaatler zu unspektakulär gewesen wäre…
Absoluter Tiefpunkt: der Nagaraja (ich musste tatsächlich erstmal nachschlagen, was das überhaupt ist) Roderigo al-Dhakil. Äh, nur soviel: Der Sabbat war mal organisiert und progressiv. Dann kam al-Dhakil und verwandelte ihn in die heute bekannte Ansammlung aus Blut, Wahnsinn und Chaos. Richtig gehört: Die gesamte Ausrichtung des Sabbat wurde angeblich von diesem Typen beeinflusst. Äh… NEIN!?! Ganz bestimmt nicht in meiner Chronik, ihr Nüsse!
Und dann haben wir noch völlig langweilige Charas wie Colm Oliver. Ich könnte jetzt witzeln, dass man im Grundbuch nach „stinknormaler Brujah“ suchen müsste, um ein Bild von ihm zu finden. Und hey, da ist ja wirklich eines von ihm! Man hat hier einfach um das Brujah-Artwork aus dem Grundbuch einen Chara gestrickt. Kann man machen, tut auch nicht weh. Was hingegen weh tut: Wegen eines solchen Typen müssen wir in KdR auf nen Ravnos oder Giovanni verzichten. Und dann packt man das altbekannte Bild auch noch aufs Cover? Wieso, nur, wieso?? Da wäre beispielsweise Lizette Cordoba, die weiter oben diese Rezension ziert, deutlich stimmungsvoller gewesen, als ein wild ballernder Brujah. Bäh!

Auf der positiven Seite stehen erinnerungswürdige Charaktere wie Lady Willoughby, die eine FANTASTISCHE Backgroundstory haben…
…die aber leider GRAUSAM geschrieben ist!
Bei Charakteren wie dieser umtriebigen Tremere Aristokratin müssen die armen Übersetzer wutschnaubend in ihre Schreibtische gebissen haben. Sie haben hier wirklich noch das Beste aus völlig abstrusen (und im rhetorischen Stil einer elfjährigen Tagebuchschreiberin zusammengeschusterten) satzähnlichen Konstruktionen herausgeholt. Wirklich! Wer den Originaltext kennt, der kann vor den fleißigen Übersetzern bei Feder & Schwert nur sämtliche Hüte ziehen.
Und schließlich, als vierte Qualitätskategorie, die angesprochenen Juwelen. Hier passt ausnahmsweise mal (fast) alles. Hintergrund, Abwechslung, stilsichere Formulierungsweise, Twists und Verwendbarkeit in der eigenen Chronik.

Als Beispiel ist hier die ehemalige Piratin Esperanza Luzifer zu nennen. Auf den ersten Blick löst dieser Charakter verstärktes Stirnrunzeln aus, doch schaffen es die Autoren meiner Meinung nach die Story rechtzeitig zu drehen, bevor es allzu abstrus wird. Teilzeithelden-Chef Roger Lewin ist im letzten Punkt fundamental anderer Meinung: „Wei­ter­blät­tern. Schnell. Eine Lasombra-Piratin, die eine Legende ist und sich wie eine ver­hält. Groß­flä­chi­ger Mary-Sue-Charakter in der schlimms­ten Interpretation.“

Zugegeben, der Name ist für die Tonne und sollte tunlichst aus einer halbwegs ernsthaften Chronik rausgehalten werden. Aber mit ihr hat eine Chronik eine ziemlich abgefahrene Antagonistin. Erinnert ihr euch noch an die malkavianischen Zwillinge aus dem Spiel Vampire: Bloodlines? Esperanza könnte ihre Lasombra-Cousine sein. Hier wird tatsächlich mal an der Gothic Punk Schraube gedreht; dieses Selbstverständnis von Vampire: Masquerade kommt im restlichen Werk leider definitiv zu kurz.

Zuletzt ist noch die Nosferatu Mary-Ann Fletcher im Kopf geblieben, die mit dem legendären Gun Powder Plot zu tun hatte. Eigentlich der einzige Chara, bei dem einfach alles zusammen passt. Beschreibung, Artwork, Hintergrund und mögliche Verwertbarkeit in einer eigenen Chronik machen sie – kurz vor Lady Willoughby – zu meiner Favoritin.

Was haben wir also, unterm Strich, für unser Geld bekommen?
Achtzehn qualitativ höchst unterschiedliche Biographien, haufenweise Ideen und durchweg gelungene Artworks.
Muss man dieses Buch haben? Definitiv nicht, vor allem mit Blick auf die unterschiedlichen Preise. Die mir vorliegende Deluxe-Version mit zwei Lesebändchen und Kunstledereinband ist für 49,95 € zu haben.
Die gewöhnliche Hardcovervariante schlägt mit 34,95 € zu Buche und die PDF-Version immerhin noch mit 17,99 €.

Auch hier würde ich es liebend gerne so halten, dass ich den Crowdfunding-Kontext mit berücksichtige. Als Backer habe ich die Deluxeausgabe sehr viel günstiger erhalten und obendrein die PDF-Version, sowie den exklusiven Begleitband „Enstehung der Kunst der Kinder der Revolution“ kostenlos dazu bekommen. Aber, huih… 18 Euro allein für die PDF! Da ist die Schmerzgrenze wirklich überschritten…

Barbarische Bewertung: (7/10)
Ein Barbar entdeckt seine politische Korrektheit und wird von den anderen als Weichei erschlagen.
Ein weiterer kann nur vom sehr guten Übersetzer davon abgehalten werden, sich ob mancher Formulierungen von einer Klippe zu stürzen.
Der dritte fällt von eben jener Klippe, da ihm von den inhaltlichen Qualitätsschwankungen ganz schwindlig geworden ist.
Und der vierte hat vergessen das Crowdfunding zu unterstützen und sich totgeärgert, als er den Preis gesehen hat. Bleiben 7 von 10 Barbaren, die das Werk weiter empfehlen. (Originalausgabe: 6 von 10)

Zweite Meinung gefällig?
Die „Teilzeithelden“ haben ebenfalls eine Rezension für euch. 
Wertung: Durchschnitt.
Fazit: „[…] Wer NSCs sucht und deren Werte, kann sich deut­lich bes­ser an die diver­sen … bei Nacht/by Night–Quel­len­bü­cher hal­ten. Abge­se­hen davon ist das Buch so wenig ver­wert­bar, dass es ein­fach zu teuer ist, hüb­sches Art­work hin oder her.“

Dritte Meinung gefällig?
Infernal Teddy hat bei „Neue Abenteuer“ ebenfalls KdR rezensiert. 
Fazit: „Wer dieses Buch als Teil seiner Stretchgoals beim Crowdfunding der deutschen V20 bekommen hat soll sich freuen, was den Rest von euch da draußen angeht: wenn ihr nicht unbedingt ein Buch mit übermächtigen NSCs braucht könnt ihr dieses Buch im Regal stehen lassen. Es lohnt sich nicht wirklich.“

Die V20 im Überblick
Einen Überblick und ein Fazit zu allen Printausgaben der deutschen V20-Veröffentlichungen habe ich hier für euch.

Bildquelle:
Meine Kamera und ich.

Was noch gesagt werden muss… Das V20: Kompendium

Einen Überblick über die deutschen Ausgaben der V20 erhaltet ihr hier.

Ein weiteres Werk aus der Ulisses-Crowdfunding Reihe zur Vampire: The Masquerade 20th Anniversary Edition (V20) ist das schmucke Kompendium, das auf schlanken, durchweg farbigen 82 Seiten das Setting vertieft und erweitert. Es richtet sich inhaltlich an SpielerInnen und Spielleitungen gleichermaßen. Die Optik sticht positiv hervor, ich gehe sogar so weit zu sagen, dass sie noch einen Funken besser ist als im Grundregelwerk; allerdings kann man auf weniger Seiten auch weniger falsch machen. Digitale Artworks wechseln sich mit alten und neuen Illustrationen ab. Höhepunkt ist das Coverbild (siehe oben), Tiefpunkt der künstlerische Totalausfall auf Seite 76. Umso ärgerlicher, dass Käufer der Print-Ausgabe in der Deluxe-Version das tolle Cover gar nicht zu sehen bekommen. (Hier ist einer. Grmpf.) Bei den Gejagten Jägern und den Kindern der Revolution hat man daran gedacht, das Cover noch einmal auf der ersten Innenseite zu wiederholen, da man ja ansonsten „nur“ den schicken Ledereinband hat. Unabhängig davon wirken aber alle Innenillustrationen sehr stimmungsvoll und ansprechend.

Bevor wir auf Inhaltliches zu sprechen kommen, fällt zunächst eine Sache positiv auf. Das Vorgehen der Autoren, sich Zeit zu nehmen für Erklärungen setzt sich mit dem Kompendium fort. Bereits in meiner Rezension zum Grundregelwerk habe ich positiv angemerkt, dass es vorteilhaft ist, wenn man in Entwicklungsprozesse, Referenzen und Inspirationen Einblicke erhält und die Autoren Zeit haben ihre Gedanken darzulegen. Das Kompendium geht noch einen Schritt weiter: Es lässt uns bereits in der Einleitung dem Autoren über die Schulter schauen, wir nehmen also wie in einer Art „Making of“ am Entstehungsprozess des Werkes teil. Abgerundet wird diese Vorgehensweise durch einen großzügigen Anhang mit dem Titel „Was der Schere zum Opfer fiel“. Die eigentlichen Kapitel sind frei von editorischen Anmerkungen, aber auch hier merkt man dem Werk an, dass nichts mit der heißen Nadel gestrickt wurde und alles wohldurchdacht und aufeinander abgestimmt ist.

Kapitel 1 präsentiert uns ausführlich die Titel innerhalb der vampirischen Gesellschaft. Vorgestellt werden übliche Bezeichnungen innerhalb aller Sekten mitsamt Erklärungen. Vieles nimmt dabei Bezug auf die entsprechenden Texte im Grundregelwerk, doch hier erhält die Spielleitung zusätzliche Anregungen, wie sich Titel und Status innerhalb einer Chronik einsetzen lassen und wie sie sich als Werkzeuge instrumentalisieren lassen. Der Verfasser schreibt in der Einleitung, dass hier zunächst angedacht war die Titel mit regellastigem Crunch zu unterfüttern; die Fans aber lieber erzählerischem Fluff den Vorzug gaben. Die richtige Entscheidung, wie ich finde, denn das macht den Inhalt deutlich flexibler und individueller verwendbar. Toll: Die Regelsysteme sind nicht etwa vollständig rausgeflogen, sondern haben ihren Weg in den Anhang gefunden, so dass auch Regelfüchse auf ihre Kosten kommen.
Etwas ungewöhnlich mutet zuletzt die Doppelseite zu den Caitiff an, die auf den ersten Blick etwas in der Luft zu hängen scheint, auf den zweiten Blick aber den negativen Titel „Caitiff“ ergänzt, wobei auch gleich klar gemacht wird, dass Caitiff zwei Bedeutungen hat. Einmal den Status als Außgestoßener und einmal als Außenstehender („Clansloser“).

Kapitel 2 führt uns in die Welt der Gefallen und Günste ein. Die Überschrift „Eine Hand wäscht die andere“ fasst das System gut zusammen. Hier fällt erneut die ungeheure SL-Freundlichkeit der V20 auf. Informationen werden nicht einfach nur vorgesetzt, sondern konkret mit Einsatzmöglichkeiten innerhalb einer Chronik ergänzt. Auch hier geht man auf unterschiedliche Verwendungs- und Betrachtungsmöglichkeiten ein. Sind Gefallen eine nicht-monetäre Währung innerhalb der Gesellschaft? Eine eigene soziale Kunstform womöglich? Oder harte, kapitalistische Investition? Die Diskurse zur Thematik werden nachvollziehbar und interessant aufbereitet; einmal mehr spürt man, dass dieses Kompendium das Ergebnis vieler Debatten und Rücksprachen mit den Fans ist.

Kapitel 3 ist der Glanz- und Höhepunkt des Buchs. Vampire und Technik. Erstmals werden uns die Einflüsse neuer Medien und modernster Technologie auf die Gesellschaft der Vampire präsentiert. Wie funktioniert die Maskerade in Zeiten von YouTube? Wie kann ein Pariser Prinz ein Mitglied seiner Domäne bestrafen, wenn es in Chicago sitzt und sich über Facebook negativ ihm gegenüber geäußert hat? Was sind geographische Domänen überhaupt noch wert, wo jeder Vampir innerhalb von 24 Stunden an jedem Ort der Welt sein kann? Was unternehmen die Ahnen gegen die Netzwerke der Jüngeren und gegen „virtuelle Domänen“? Und wieso ist es auf manchem Toreadorempfang ein gesellschaftlicher Fauxpas, wenn man mit dem Vorgängermodell des aktuellen iPhones erscheint?  Das Kapitel liefert Erklärungsansätze, Szenarioideen und Einblicke in das vampirische Leben im Angesicht einer digitalisierten Welt. „Unleben online“, wie es in einer Teilüberschrift so schön heißt.
Dieses Kapitel ist ein MUSS für jede Chronik der Gegenwart und rechtfertigt allein schon den Kauf des Buchs.

Kapitel 4 stellt uns zahlreiche Schauplätze des weltweiten vampirischen Treibens vor und liefert damit erneut zahllose Storyaufhänger und Ideen, um unsere Chronik zu schmücken. Wir bekommen feste Örtlichkeiten, wie die Katakomben von Paris präsentiert, ebenso wie „mobile“ Locations wie den Succubus Club. Die Grande Masquerade, jene große LIVE-Convention in New Orleans, hat ihren Weg nicht in den offiziellen Kanon gefunden, da sie laut Aussage des Verfassers zwar sehr stimmungsvoll sei, letztlich aber nicht sehr lore-freundlich. Dennoch hat es das Event in der „Stadt der Vampire“ ins Kompendium geschafft, nämlich in den Anhang, der das Werk gelungen abrundet.

Fazit:
Das Kompendium ist ein absolut essentielles Begleitwerk für die V20 und jeden Cent wert. Auch das Lektorat ist gelungen; die Übersetzungen hatte ich bereits in der Rezension zum Grundregelwerk kritisiert; ich werde daher nicht jedes einzelne Produkt in diesem Punkt abwerten. Persönlich hätte ich mir aber gewünscht, dass man die Regeln für Blutlinien und Ghule in das Kompendium auslagert. Thematisch hätte es irgendwie besser gepasst und das Grundregelwerk zu einer runden (und vor allem leichteren) Sache gemacht. Auch die Übersetzung des Titels ist ein wenig irreführend. Ein „Kompendium“ ist ein kurz gefasstes Nachschlagewerk oder Fachbuch. Die englische Originalausgabe nennt sich „Companion“ – und darunter versteht man ein Begleitbuch. Letztere Bezeichnung passt tatsächlich besser zum vorliegenden Werk, das nur in Kombination mit dem Grundregelwerk gewertet werden sollte und nicht einzeln.

Barbarische Bewertung: (10/10) Abwertung: (9/10)
10 von 10 begeisterten Barbaren haben einen Schrein gebaut, dieses Buch reingestellt und verehren es nun als „Gottheit des guten Beispiels dafür, wie ein Rollenspielwerk zu sein hat“.

Nachtrag, 26.08.2015
In allem Überschwang habe ich ein wichtiges Detail übersehen. Die 12,99 € beziehen sich auf die PDF-Version, die Hardcoverausgabe in der normalen Version wird einen Ladenpreis von 24,95 € haben. Die Deluxe-Fassung gibt es für 34,95 € und verzichtet – wie bereits erwähnt – komplett auf das tolle Cover. Das ist – trotz Vollfarbe und Hochglanzhardcover – natürlich ein stolzer Preis. In diesem Falle stellen nur 9 von 10 Barbaren ihr Buch in den Schrein. Der zehnte bleibt bei der PDF-Ausgabe. 😉

Zweite Meinung gefällig?
Infernal Teddy kommt bei Neue Abenteuer zu einem ähnlichen Fazit.

Bildquelle: Coverbild V20 Kompendium, verwendet im Rahmen von Rezensionszwecken.