White Wolf Skandale: Paradox zieht die Notbremse (Kommentar)

Die realweltlichen Verknüpfungen der V5-World of Darkness haben nun „Köpfe rollen lassen“. Paradox Interactive hat als Publisher interveniert und die Verkäufe der Quellenbücher für die Camarilla und die Anarchen gestoppt, damit sie umgeschrieben werden können. Des weiteren wurde White Wolf de facto als kreativ unabhängige Redaktion aufgelöst und wird nun nur noch eine beratende Funktion innerhalb von Paradox wahrnehmen. Mit der kreativen Ausarbeitung der World of Darkness sollen fortan Externe beauftragt werden. Der Interims-Manager von White Wolf, Shams Jorhani, Vice President of Business Development bei Paradox Interactive, hat sich gestern mit einem entsprechenden Statement zu Wort gemeldet.

Unabhängig davon, dass die V5 regelseitig und durch atmosphärisches Layout wirklich gelungen ist, ist die Kritik am Kurs, wonach die World of Darkness in der V5 keine Fantasiewelt ist, sondern unserer realen entspricht und sich teils tagesaktuellen Geschehnissen widmet, mittlerweile scheinbar auch bei den Verantwortlichen von Paradox als zu heißes Eisen begriffen worden. In einem ausführlichen Blogpost habe ich dies bereits im Sommer thematisiert und umfassend dargelegt.

Konkreter Auslöser war nun die (tatsächliche) Verfolgung homosexueller Personen in Tschetschenien, die als vampirinduzierte Ablenkungstaktik inszeniert wurde.

Bereits vor Monaten war die Verwendung tagesaktueller Geschehnisse, wie die Verwendung der Alt-Right Bewegung oder Neonazigruppen innerhalb der Spielwelt stark kritisiert worden und hat zu einem größeren Shitstorm geführt, der sogar über die Grenzen der Rollenspielszene hinaus geschwappt ist.

Ich halte es für einen guten und richtigen Schritt, dass die unreflektierte und offensichtliche Faulheit, mit der reale Gewalt, reales Leiden und reale Konflikte der unmittelbaren Gegenwart als Plot verwendet werden nicht länger toleriert wird. Es bleibt gleichzeitig zu hoffen, dass die WoD zukünftig wieder als das gestaltet und wahrgenommen wird, was sie einst war: Eine düstere Fantasy-Parallelwelt, die unserer Welt zwar ähnelt, aber trotzdem nicht unsere Welt ist, genau wie es in früheren Editionen von Vampire: The Masquerade schwarz auf weiß bekräftigt wurde. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Doch White Wolf argumentierte, dass unsere reale Welt mittlerweile so düster sei, dass sie glatt als World of Darkness durchginge. Dass dies ein technischer, ein moralischer, ein politischer; vor allem aber auch ein inhaltlicher Fehler war, der den bisherigen Kanon der Spielwelt ad absurdum führte, hatte ich in meinem Blogpost bereits ausgeführt.
Denn dort, wo man reale Gräuel als Storyaufhänger verwendet, macht man reale Verbrecher zu Autoren eines Unterhaltungsmediums!

Damit möchte ich keineswegs sämtliche Gräuel der Menschheitsgeschichte von der Verwendung als Unterhaltungsmedium ausschließen. Das Erzählen von Geschichten ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis. Ängste werden kanalisiert, Eindrücke und Erfahrungen verarbeitet. Auch furchtbare und entsetzliche Verbrechen dürfen und sollten ein Teil von Erzählungen sein. Und diese dürfen auch unterhalten. Doch der Anstand gebietet es, dass mit der nötigen historischen Distanz gearbeitet wird! Konkret heißt dies: Man kann wenigstens abwarten, bis ein Konflikt oder ein Ereignis beendet ist, bevor man es in größerem Ausmaß zu einer Story verwurstet. Der Bürgerkrieg in Syrien mit seinen Flüchtlingen; verfolgte Homosexuelle in Tschetschenien oder die rassistischen Ausschreitungen in den USA (alles Dinge, die in der V5 als Plot dienen) sind eben keine abgeschlossenen historischen Ereignisse, sondern finden GENAU JETZT statt. Klar kann man diese Konflikte in der Gegenwartsliteratur, im Medium Film oder in ernsthaften Serien aufgreifen. Aber der Respekt vor dem Leid der Opfer sollte mindestens so weit gehen, um daraus keine Vampiroperette zu machen.

Nicht Vampire sperren Schwule in Argun und Tsotsi-Yurt ein, um sie zu Tode zu foltern, sondern miese unmenschliche Arschlöcher!

Dafür, dass Paradox dies erkannt und entsprechend gehandelt hat gebührt ihnen Respekt.

Bild: WoD. Verwendet im Rahmen von Rezensionszwecken.

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4 Kommentare zu „White Wolf Skandale: Paradox zieht die Notbremse (Kommentar)

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  1. Hier kann sich jeder selbst ein Bild von dem kritisierten Abschnitt davon machen:
    https://scontent-frx5-1.xx.fbcdn.net/v/t1.0-9/45642392_10156065148718379_3595455030586507264_n.jpg?_nc_cat=109&_nc_ht=scontent-frx5-1.xx&oh=a92a1b430278488fc4746fa8327f731f&oe=5C751698

    Was ich als (weitere) Problemfaktoren wahrnehme ist Folgendes:

    1. Sprachliches und Traditionsproblem:
    Die Art und Weise der Darstellung von Vampiren – gerade in dem Abschnitt – ist für die WoD unüblich. Die WoD ist immer einen Sonderweg gegangen und hat das Bild des Vampirs, wie es im kollektiven Bewusstsein verankert ist, bisher kaum berücksichtigt. Der Vampir als Metapher für die dunklen Triebkräfte des Menschen und für seine finsteren Schattenseiten hat in der WoD bisher keine Heimat gefunden.
    Ursachen mMn: Geschichts- und Mytheneklektizismus der US-Popkultur.

    Wenn jetzt Autoren, die nicht oder wenig mit der US-Popkultur sozialisiert sind, für V:tM schreiben, kann es da zu einem „Traditionsbruch“ innerhalb der WoD kommen. Und ich denke genau das ist hier passiert. (Dazu wurde hier in dem oben verlinkten Beitrag auch schon was geschrieben. Allerdings mit besonderer Wertschätzung der US-90er-Herangehensweise, die ich nicht teile. Andere wohl auch nicht: https://motherboard.vice.com/de/article/3kyaev/vampire-the-masquerade-v5-review-worum-es-geht)

    2. Paradox Interactive ist börsennotiert. Natürlich mögen die keine negative Publicity und v.a. keine langwierigen politischen Verwicklungen. Sowas schadet den den finanziellen Interessen.

    3. White Wolf und deren IPs sind nicht groß genug, um sie direkt zu vermarkten. Deswegen braucht es eine neue Auflage von V:tM. Die Subversivität, welche die WoD-Sachen bei Erscheinen hatte, wurde dabei mMn übersehen. Heißt: Eine Neuauflage (die kein Nostalgieprodukt ist) ist eigentlich für eine auf finanzielles Wachstum und politische Konformität ausgelegte Firma, keine besonders gute Wahl.

    4. Homophobie bleibt Homophobie.
    Ich verstehe den Aufschrei zum Teil und das Empfinden, dass hier verharmlost würde. Trotzdem – in meinen Augen sind das vor allem verletzte Emotionen. Die Autorenintension (wenn ich das aus den ganzen widersprüchlichen Infoschnipseln richtig abgeleitet habe), nämlich auf das Gräuel in Tschetschenien aufmerksam zu machen, wird dabei als Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

    Mein Fazit:
    Danke für nichts, Paradox!
    Die künftige Herausnahme des kompletten Tschetschenien-Abschnittes zeigt, dass es der Firma darum geht, möglichst keinen Anstoß zu erregen und negative Publicity zu vermeiden. Dabei sind die – auch zweifelhaften und provokanten – Themen bei Vampire eigentlich gar nicht so schlecht aufgehoben.

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  2. Hi, bin gerade meine Meinung zu dem ganzen zu verfassen und konnte auch ein paar der Amerikaner mit denen ich TNiQ spielte befragen – im Rahmen dessen was mir an politischen Diskussionen sinnvoll und höflich erschien.

    Gerade versuche ich herauszufinden was es an (dt) Artikeln respektive Kommentaren dazu gibt. Neben deinen Artikel, weiß ich um den Artikel von TZH. Sind dir da noch weitere bekannt?

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