Rassismus-Sexismus-Shitstorm in der Rollenspielcommunity (Teil 1): Wege der Vereinigungen

Da hat es mich und diesen Blog nun doch verfrüht aus der Sommerpause gehauen. Rund sechs Wochen nach dem DSGVO-Schock verspüre ich ein so akutes Mitteilungsbedürfnis, dass gleich zwei Blogbeiträge zum selben Themenkomplex entstanden sind und den vorläufig geschlossenen Blog wieder aus dem Dornröschenschlaf holen konnten. Dies hat auch etwas damit zu tun, dass die offiziellen Kanäle in Foren oder Facebookgruppen zur Zeit keine größeren Mitteilungsmöglichkeiten zulassen. Threads, Blogposts und Gruppendiskussionen werden im Augenblick munter gesperrt oder sogar gelöscht (alles übrigens in den meisten Fällen zurecht), so dass man nicht wirklich seine Zustimmung oder Empörung bzgl. der aktuellen Ereignisse äußern kann.
Den Beginn meines Zweiakters macht heute die seit Wochen köchelnde Wege der Vereinigungen-Kontroverse, während ich in den nächsten Tagen auch noch auf die Rassismusdebatte der neuen Vampire: Masquerade-Edition eingehen werde. 

Was war geschehen? Bereits vor etwas mehr als 2 Wochen hat der langgediente DSA-Autor Michael Masberg seinen Rücktritt erklärt, bzw. bekräftigt. Denn eigentlich hatte er sich bereits vom Schwarzen Auge verabschiedet, plante aber noch die Fertigstellung seines Roman-Zweiteilers Schmiede des Verderbens. Dieser werde nun nicht mehr erscheinen, wie Ulisses mitteilte. In seinem Blog teilte Masberg mit, dass er nicht mehr mit der gegenwärtigen DSA-Redaktion zusammen arbeiten könne. Bereits seit Monaten äußerte sich Masberg, sowohl in seinem Blog, als auch auf Facebook, immer wieder kritisch gegenüber der gegenwärtigen Entwicklung DSAs, auch gegenüber Wege der Vereinigungen (WdV).

Damit reihte sich Masberg in die Riege derjenigen ein, die bereits vor einigen Jahren DSA verlassen hatten, wie annähernd die komplette ehemalige Redaktion unter Thomas Römer und bereits länger zuvor ebenfalls bekannte Szenegrößen wie Mark Wachholz.

Der nächste Paukenschlag erfolgte gestern, als der DSA-Romanautor Mike Krzwyk-Groß, ebenfalls seinen Ausstieg verkündete. Besonders pikant wird die Angelegenheit dadurch, dass er konkret auf WdV Bezug nimmt und Ulisses ein Rassismus- und Sexismus-Problem attestiert.

Was zum Namenlosen steht denn bloß in diesem WdV, dass jetzt bereits der zweite langgediente DSA-Autor deswegen die Segel streicht? Dazu kommen wir gleich. Zunächst eine kurze Rekapitulation der Ereignisse:

Richtig ins Rollen kam die gegenwärtige Diskussion durch zwei größere Impulse. Erstens ein (ebenfalls von Mike Krzwyk-Groß verlinkter) und leider mittlerweile geschlossener Thread beim Orkenspalter (wo ich ebenfalls mitdiskutierte) und zweitens die Review-videos der wunderbaren Natalia Melnikova, die als Übersetzerin für Ulisses u.a. einige Heldenwerk-Abenteuer und die Schnellstartregeln ins Russische übersetzt hat.

Im Orkenspalter-Thread diskutierte dankenswerterweise auch Alex Spohr mit, der Bandverantwortliche, der die Kritik im groben ganzen zurückwies und plausibel und nachvollziehbar erklären konnte, dass auch keine Absicht hinter den angesprochenen Kritikpunkten steckte.

Bevor ich auf die einzelnen Kritikpunkte eingehe, möchte ich einen Vorwurf bereits im Vorhinein ansprechen und entkräften:
Von Verteidigern des Bandes wurde den Kritikern (zu denen ich in Ansätzen ebenfalls zähle) vorgehalten, dass sie grundsätzlich nur gegen DSA5 argumentieren würden; es im Kern also um nichts anderes als eine fundamentale Ulisses-Kritik und/oder Editionskritik gehe. Dies ist jedoch keineswegs der Fall, denn in die Diskussion haben sich auch zahlreiche DSA5-Jünger eingebracht, die das System lieben und zumeist auch den Verlag sehr schätzen. Ich möchte nur zwei Beispiele nennen: Sowohl Natalia Melnikova als auch ich waren bzw.  sind für Ulisses aktiv (sie für DSA, ich als freier Mitarbeiter für HeXXen 1733) und wer Forenbeiträge und Diskussionen der letzten Monate und Jahre verfolgte, der weiß, dass ich auf DSA5 absolut nichts kommen lasse und zu den meinungsstarken Verteidigern des Systems (und der Redaktion) gehöre.

Nein, der Kern der Kritik umfasst einerseits den Inhalt (woran ich teilw. ebenfalls Kritik übe) und andererseits den Umgang mit Kritikern, bzw. das Verhalten bei Kritik und unangemessener Reaktion auf Feedback (was u.a. Mike Krzwyk-Groß thematisierte).

Gehen wir die Punkte zu WdV einmal durch, damit auch bislang uninformierte Außenstehende die Steine des Anstoßes nachvollziehen können:

  • Die Penisgröße von people of color (POC)
    Ins Rollen kam die Diskussion, als u.a. ein Forenuser im Orkenspalter bemerkte, dass die dunkelhäutigen, männlichen Mohas in WdV einen Bonus auf die Länge ihrer primären Geschlechtsorgane erhalten. Der User stellte die Frage, ob hiermit das rassistische Vorurteil bedient würde, wonach schwarze Männer einen längeren Penis hätten. (Btw.: Ich kann gar nicht fassen, was ich hier gerade schreibe. Aber in Zeiten von WdV müssen wir da wohl durch. 😉 )

Ich fügte einige andere Dinge hinzu, die mir beim ausführlichen Lesen aufgefallen waren:

  • Unklare Trennschärfe zwischen Ulk und Ernsthaftigkeit.
    Humor ist großartig. Und WdV schafft es an vielen Stellen die Balance zu halten, zu wirklich ansprechenden, wunderbar informativen Texten und eher augenzwinkernder, schelmenhafter Tsagefälligkeit. Oftmals werden jedoch pubertierender Fäkalhumor und vorurteilsbeladene Anekdoten mit ernsthaften Texten verwoben. Meine Hauptkritik am Werk ist somit, dass es weder der ulkige und aus den Fugen geratene Aprilscherz geworden ist, noch die nüchterne fachwissenschaftliche Abhandlung zur aventurischen Sexualität. Ja, in beiden Fällen hätte man wohl einen Teil des Publikums verärgert, wenn man eine Linie durchgezogen hätte. Aber es wäre wenigstens eine Linie gewesen. So bleibt WdV (interessantes) Stückwerk.
  • Das Bedienen (unbewusster oder alltagsrassistischer) Stereotype ggü. POC
    Hierzu zählen Details, die erst auf den zweiten Blick sichtbar werden. Schwarze Menschen dienen beispielsweise der Unterhaltung und/oder Erfüllung „exotischer“ sexueller Bedürfnisse. (Letzteres als Liebesdiener, beispielsweise im Bordell von Mengbilla: Andere Bordelle haben durchaus andere Spezies zu bieten. Aber nur ein einziges Bordell hat eine eigene Menschenkultur im Angebot. Es gibt beispielsweise keine Bordelle, in denen ausschließlich Thorwaler, Tulamiden oder Horasier tätig wären. Nur eine Menschenkultur dient als exotisch genug, um wie eine fremde Spezies (Elfen, Zwerge) behandelt zu werden: Die Mohas. Vgl. Tabelle Seite 80, WdV).
    Dann werden schwarze Menschen als besonders lustig dargestellt, weil sie so  ulkige Traditionen haben. (Tabelle S. 29, WdV)
    Schwarze Menschen werden außerdem wild und unzivilisiert dargestellt, so dass sie als einziges menschliches Volk in WdV keine eigene, kulturelle sexuelle Identität etablieren konnten. Sie hängen als einzige nicht über eine gemeinsame kulturelle Identität zusammen (Kultur = Waldmenschen), sondern nur über ihren geographischen Verbreitungsraum und ihre Hautfarbe. Ihre Traditionen sind so beliebig, dass sie ausgewürfelt werden dürfen. Wohlgemerkt als einziges Volk der Menschen. (S. 28 f., WdV)
    Schwarze Menschen haben besonders hohe Ideale wie besondere Toleranz ggü. Mitmensch und Natur. (S. 28 f., WdV) Dies ist durch nichts hergeleitet oder begründet, sondern gilt einfach als Fakt. Dies steht im Widerspruch zur Unterschiedlichkeit bei sexueller Identität und Moral. Damit sind die POC allein deshalb so tolerant, weil sie POC sind. Hierbei wird im Übrigen der rassistische Stereotyp des „Edlen Wilden“ wider gespiegelt.
  • DSA-Altlasten: Für den amerikanischen Markt zu krass
    Im letzten Jahr reflektierte Markus Plötz selbstkritisch, dass man nicht alle Bezeichnungen in DSA problemlos für den US-Markt übernehmen könne. Begriffe wie Rotpelze oder Schwarzpelze wären beispielsweise nicht möglich in den USA. Gleiches gilt für Al’anfa, wo schwarze Sklaven auf Feldern geknechtet werden. Entsprechend wurde dies angepasst. Ich habe mir an dieser Stelle die Frage gestellt, warum man für die USA sensibel reagiert hat, in den deutschsprachigen Ausgaben jedoch die einmalige Chance nicht genutzt hat, den Begriff „Mohr“ (=Moha) in den Ruhestand zu schicken oder die Sklavereiproblematik weiter zu fassen und nicht weitgehend auf POC zu beschränken. DSA ist hier spürbar neokolonialistisch unterwegs und eine neue Edition wäre (wie beim Beispiel Rasse -> Spezies) in einer optimalen Position gewesen, um die alten Stereotype zu begraben.
  • Ausblenden kritischer Seiten: Prostituierte und Levthanspriester
    Bereits im Vorfeld empfand ich den Umgang mit Armuts- und Trossprostitution kritisch. Prostituierten werden neuerdings eher positive Attribute angedichtet, bzw. das angesehene Kurtisanenwesen als leuchtendes Vorbild in den Vordergrund gestellt und demgegenüber das Elend der Zwangsprostitution (auch: Sexsklaverei in Al’Anfa) mehr oder weniger ausgeblendet. Mit WdV sollte also ein unterhaltsames, lockeres und rahjagefälliges Werk zu Stande kommen, in dem Extreme nicht erwünscht waren. Dies zeigt sich auch an den vorgestellten Levthanspriestern, die eher die Aspekte des „guten Lebens“ ihres Widdergottes Levthan verkörpern (=Wein, Weib und Gesang) und nicht die kompromisslose, altgriechisch inspirierte Vergewaltigungsgottheit, die sich an der Göttin Satuaria verging. Meiner Meinung nach wurde hiermit die große Gelegenheit verpasst, ein wirkliches Standardwerk zu allen Aspekten der aventurischen Sexualität vorzulegen. So ist WdV zu gleichen Teilen ein alter Aprilscherz, mit Teenagerhumor auf der einen – und gelungenen, aber nicht allzu kritischen Sachtexten auf der anderen Seite.
  • Diversity, Geschlechtergerechtigkeit und das Scheitern am eigenen Anspruch
    Natalia Melnikova machte in ihrer Review darauf aufmerksam, dass die Texte in WdV zwar den lobenswerten Anspruch vertreten, möglichst divers zu sein. Dennoch bemerkte sie, dass die verwendeten Illustrationen sehr auf male gaze abzielen, also dem heterosexuellen, männlichen Betrachter gefallen sollen. So machte sie ein gewaltiges Ungleichgewicht in der Darstellung männlicher und weiblicher Geschlechtsmerkmale aus und auch die Präsentation von Paaren oder Liebeskonstellationen folge eher den Vorstellungen heterosexueller, männlicher Betrachter.
    „Als ich den Band durchgeblättert und durchgelesen habe, ist es mir schon irgendwie, auf einer sehr subjektiven, schwer greifbaren Ebene aufgefallen, dass es von Brüsten und Vaginas nur so strotzt und ich irgendwie gar nicht mal so viele Männer sehe. […] Ich dachte mir, gut vielleicht ist das nur eine subjektive Wahrnehmung. […] Und dann habe ich angefangen nachzuzählen. Und – tut mir leid – gegen Zahlen kann man echt nichts einwenden…“ – Natalia Melnikova

     

    Im Folgenden die Ergebnisse von Natalias Illustrations-Recherche:


    Illustrationen von Professionen:
    4 zu 7 (m/w)
    Illustrationen von Archetypen: 3 zu 3. (m/w)
    Illustrationen von gleichgeschlechtlichen Paare: 2 zu 5. (m/w)
    Zwei illustrierte Szenen zeigen homosexuelle Männer. Einmal beim Sex im Hintergrund, einmal beim Lesen im Bett. Keine Geschlechtsmerkmale sichtbar.
    Fünf illustrierte Szenen zeigen Frauen, die homosexuelle Handlungen vollziehen. Alle zeigen sie beim Geschlechtsverkehr. Einige explizit.
    Illustrationen von Dreiern: 1 zu 5 (wmm/mww)
    1 Frau, 2 Männer: Einmal. Alle angezogen und auf dem Heimweg aus der Taverne.
    2 Frauen, 1 Mann: Fünf. Zweimal Vorspiel, dreimal Geschlechtsverkehr.Außerdem hat Natalia festgestellt, dass man weibliche Geschlechtsmerkmale (primär und sekundär) sehr oft sieht, aber nur ein einziges Mal ein männliches Geschlecht: Ein erigierter Penis, der allerdings am Körper der tulamidischen Version der Fruchtbarkeitsgöttin Rahja steckt.

  • Natalia rezensierte auch den Kurzgeschichtenband Fesseln der Lust, der im Großen und Ganzen solide daherkommt, aber auch einen gewaltigen Ausreißer hat: Eine Geschichte (Amir und die Piraten) beinhaltet eine Vergewaltigung, bei der das Opfer nach einiger Zeit den Widerstand aufgibt und Lust empfindet. Die Geschichte wird dahingehend abgeschwächt, dass sie sich hinterher als Traum herausstellt, aber um diese Auflösung zu bemerken, muss man sich dennoch zunächst durch den unerfreulichen Text kämpfen, was nicht wirklich von jeder Person erwartet werden kann.
    Unterm Strich hat man es hier mit dem trope der nachträglichen Gerechtfertigung eines Kapitalverbrechens zu tun. rape culture wie aus dem Lehrbuch also und die Autorin („Lieschen Müller“) wird wohl geahnt haben, dass hier ein Pseudonym  dringend anempfohlen ist.

Was ist also insgesamt von der Kontroverse zu halten, die nun für großen Unmut sorgt? Ich persönlich bin zu dem Schluss gekommen, dass viele der angesprochenen Kritikpunkte einerseits valide sind, andererseits einfach nur von mangelhafter Reflexion zeugen. Es ist wohl kaum anzunehmen, dass die Bandredakteure irgendeinen rassistisch-sexistischen Masterplan verfolgten, oder möglichst viele Schocker einzubauen. Ich nehme Alex und Co. die Überraschung, mit der sie auf die Anschuldigungen reagierten, absolut ab. Allenfalls hat das Lektorat etwas geschludert, aber auch hier bin ich unentschieden: Von wenigen Ausnahmen abgesehen wurde uns nichts präsentiert, was nicht schon im Hintergrund von DSA verankert war und nun reproduziert wurde. Klar kann man das kritisieren. Das sollte man auch. Aber viel Kritikwürdiges liegt weiter in der Vergangenheit, als der gegenwärtige Auslöser der Kontroverse. WdV ist nämlich kein schlechtes Buch. Im Gegenteil.

Denn auch wenn sich obige Auflistung ziemlich negativ liest, halte ich WdV für den spannendsten Band, der seit langer Zeit für DSA erschienen ist und über weite Strecken etwas erfrischend Neues und bislang nicht Dagewesenes präsentiert. Auch die (absurden) Regeln wissen zu unterhalten (auch wenn sie wohl niemals irgendwo zur Anwendung kommen werden). In puncto Regeln treibt die DSA-Redaktion ihr Mantra von „Alles kann, nichts muss!“ (höhö) auf einen neuen Höhepunkt (höhö), denn ich vermag hier durchaus auf einer Metaebene eine gewisse Selbstironie durchschimmern zu sehen. DSA5 wird bekanntlich gerne vorgeworfen unsinnige Regeln zu ersinnen, um möglichst viele Regelwerke zu füllen und verkaufen zu können. Mit den Regeln in WdV wird man sich gedacht haben: Wartet mal ab, wie unsinnig wir wirklich werden können!
Immer wieder blitzt teils sehr feine Ironie durch die wunderschön gestalteten (aber tatsächlich male gaze-orientierten) Seiten und macht das Lesen in diesem Werk zu einem unerwarteten Genuss.

An dieser Stelle könnte ich die Rezension abschließen, verdiente 7 von 10 Barbaren vergeben und allenfalls das verunglückte Lektorat bei den „Unfällen“ in puncto Rassismus und Sexismus für den Punktabzug heranziehen. Na ja, einige Texte sind stilistisch auch nicht der Bringer, doch habe ich auch keine hohe Literatur erwartet.

Aber ich möchte noch einige persönliche Worte loswerden, die auch die gegenwärtige White Wolf-Kontroverse (2. Teil dieses Blogposts) tangieren und die verrückte Welt außerhalb des Rollenspiels in unsere kleine Hobbynische einbrechen lassen.

Wir schreiben Freitag, den 13. Juli 2018. Eben las ich die neuen Umfrageergebnisse der Forschungsgruppe Wahlen. Die AfD steigt immer höher in der Wählergunst und kommt in einigen Umfragen auf bis zu 17 %. Wir betreiben unsere Nerdhobbys in einem gesellschaftlichen Umfeld, das sich seit meinem Einstieg ins Hobby (um das Jahr 1996) und den Skandälchen der DSA4-Einführung oder dem Rücktritt der alten DSA-Redaktion vor einigen Jahren sehr verändert hat. Ich bin Hobbyautor. Meine Erstprofession lautet Deutsch- und Sozialkundelehrer. Und mit dem Blick des Sozialwissenschaftlers bemerke ich immer wieder, dass Personen, die eine Gesellschaft, wie sie u.a. auch in Aventurien bereits zur Frühzeit des Schwarzen Auges utopisch vorgelebt wurde, rigoros ablehnen; und dass diese Personen die Rechtfertigung ihres Weltbildes auch immer aus kleinen gesellschaftlichen Nischen kratzen, wie es unser Hobby eine ist. Wenn wir weiterhin völlig unnötige Stereotype oder tropes strapazieren, um zu provozieren oder Aufmerksamkeit zu heischen, dann ist das so lange okay, wie wir diese Aspekte absichtlich und kontextuell einsetzen, beispielsweise als Satire, Gesellschaftskritik oder als Feindbild für unser innerweltliches Spiel. Nichts ist großartiger als ein rassistischer, sexistischer Antagonist, dem wir einen Strich durch die Rechnung machen dürfen. Wir können sogar selbst in die Rolle eines solchen Arschlochs schlüpfen. Es gibt Systeme, die leben von diesen Rollen. (Beispielsweise Vampire: Masquerade). Aber achten wir bitte, vor allem in der gerade stattfindenden Gegenwart, besonders darauf, dass diese ganzen Unappetitlichkeiten innerhalb unserer Spielwelten bleiben, also inplay, auf dass wir uns an ihnen abarbeiten können. Lassen wir nicht zu, dass sie unbeabsichtigt in Beschreibungs- und Erklärtexte Einzug halten, die keinen innerweltlichen Bezug haben. Nicht etwa die Autor*innen, die nichts Böses wähnen, da sie im Grunde nur bestehendes aufgreifen, sind zu verurteilen, sondern vielmehr diejenigen, die unsere Gesellschaft verändern und zerschlagen möchten, und als Rezipienten aus diesen Dingen Rechtfertigung und Legitimation ziehen.

Ich kann mich gut an eine Zeit erinnern, es war so um die Jahrtausendwende, da standen sämtliche Gamer unter dem Generalverdacht potentielle Amokläufer zu sein. Verbote und Strafen standen im Raum; meist forciert von stockkonservativen Politikern. Die ersten Rollenspielpioniere, in den 80er und 90er Jahren werden sich erinnern, dass auch sie argwöhnisch von konservativer Seite betrachtet wurden: Rollenspiel? DSA? Das ist doch Teufelswerk und Satanismus!

Über die letzten Jahrzehnte konnten wir, als kreative, solidarische, gemeinschaftsfördernde und inklusive, offene und nicht zuletzt ausgesprochen tolerante Community beobachten, dass das Auge der bürgerlichen bis konservativen Öffentlichkeit nicht etwa argwöhnisch, sondern recht gelassen oder sogar wohlwollend in unsere Richtung blickte, wenn wir am Spieltisch saßen, unsere RPGs am PC zockten oder mit Latexschwertern durch die Wälder huschten. Diese goldenen Jahre für Freaks und Nerds könnten ganz schnell beendet sein, wenn sich ultrakonservative Meinungen wieder bahn brechen und wir, die wir im Rahmen des Hobbys gerne völlig unpolitisch sind, und den ganzen Politkram aus unseren Freizeitaktivitäten kategorisch raushalten, plötzlich wieder als die Sonderlinge dastehen, die wir nunmal (nicht ohne Stolz!) tatsächlich sind.

Lasst uns deshalb alle gemeinsam darauf achten, dass wir uns in unseren Beschreibungstexten genauso wie in unserem Umgang miteinander nicht als Gutmenschen oder Social Justice Warriors beschimpfen, wenn einige kultur- und sozialsensible Hinweisgeber wie beispielsweise Natalia auf mögliche Probleme hinweisen. Denn zu schnell öffnet man die Tür zu pauschalen Verurteilungen oder Schnellschussreaktionen, bis hin zu Auswüchsen wie Gamergate, die wir in unserer Community absolut nicht gebrauchen können.

Für Autor*innen und Lektorat bedeutet dies auf neue Fallstricke zu achten, die noch vor wenigen Jahren gar kein Thema waren: Wenn schon Provokation, dann bitte im Kontext und mit Stil. Dann wäre es vielleicht vermeidbar, zum politisch absolut beschissensten Zeitpunkt der letzten 15 Jahre, Mohas und ihre großen Penisse oder vergewaltigende Südländer auf die Community loszulassen. Oder, anders ausgedrückt: Ich verlange und erwarte ja durchaus, dass ein al’anfanischer Grande in rassistischer Art und Weise und in feinstem AfD-Sprech seine Menschenverachtung zelebriert. Meinetwegen kann er auch den Ruf haben ein Vergewaltiger und Mörder zu sein. Die Götter werden es schon richten. Aber die Tat zu zelebrieren und detailliert zu beschreiben ist schon ein anderes Kaliber.

Ich bitte in diesen Zeiten einfach um erhöhte Achtsamkeit, damit diese mittelalterlichen Einstellungen am einzigen Ort bleiben, wo sie hingehören: Neben viele andere Einstellungen, gute und weniger gute, in ein großes Gedankenexperiment namens Rollenspiel.

Im Offplaytalk der Community hat dieser Kram hingegen nichts zu suchen. Und wenn doch einmal einige grenzwertige Eskapaden durchs Lektorat rutschen, dann wünsche ich mir eine offene und von gegenseitiger Wertschätzung geprägte Diskussion, die in (vorzugsweise geöffneten) Facebook- und Forenthreads ermöglicht wird. Und nicht zuletzt wünsche ich mir weniger Rücktritte und generell weniger Nachtreten beim Rücktreten.

Der HeXXer und Barbar geht jetzt das schöne Wetter genießen. Habt ein entspanntes Wochenende!

Update: Ulisses hat mittlerweile mit einem sehr ausführlichen und reflektierten Statement reagiert. Auch hier wurde noch einmal ganz deutlich gemacht, dass man absolut „progressiv, menschenfreundlich und liberal“ eingestellt sei und sich entschieden gegen „Rassismus, Sexismus und Homophobie“ stelle.  Im Zuge dessen wird es kleinere Änderungen geben: So wird nach der wohl berechtigten Kritik die vielgescholtene Tabelle zwar in der Printversion enthalten sein, aber in der PDF-Version ersetzt. Außerdem wird darauf hingewiesen, dass der von Natalia Melnikova stark kritisierten Kurzgeschichte „Amir und die Piraten“ ein Disclaimer vorangestellt wurde.
Ulisses entschuldigt sich schließlich bei allen Personen, die sie in irgendeiner Form verletzt haben könnten und stellt noch einmal heraus, dass nichts mit Absicht geschehen ist.

Damit sollten jetzt auch die letzten Wogen geglättet sein und wir alle um eine besondere Community-Erfahrung reicher. 😉
Lasst uns jetzt alle wieder dazu übergehen zu schreiben, zu lesen, zu spielen und unser Hobby zu genießen.

 

 

Beitragsbild: Cover, Wege der Vereinigungen. Verwendung im Rahmen von Rezensionszwecken

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