A Tale of Two Cities: Erklärung zur Seidenen/Wandelnden Stadt

Vor einigen Wochen veröffentlichte ich einen Blogpost, der unter dem bitterbösen Clickbaitaufmacher „Wie mein Abenteuer in Splittermond auftauchte, ohne dass ich es bemerkte“, für heftige Reaktionen in der Splittermondgemeinde sorgte.

Was war geschehen?
Ich hatte festgestellt, dass ein im letzten Jahr erschienenes Splittermond-Abenteuer („Die Seidene Stadt“) in den Rezensionen Ähnlichkeiten zur meiner in Arbeit befindlichen Rakshazar-Ausarbeitung, „Die Wandelnde Stadt“ aufweist. „Die Wandelnde Stadt“ ist ein Sandboxabenteuer, das auf der im Abenteuerband „Auf blutigen Pfaden“ beschriebenen Karawanenstadt Navanur basiert, deren Entwürfe und Plotskizzen bis ins Jahr 2007 zurückreichen. Daraufhin verfasste ich den besagten Blogpost (den ihr hier noch einmal nachlesen könnt).

Mein Wehklagen wurde von einigen Kommentatoren als Plagiatsvorwurf an Splittermond und/oder Stefan Unteregger interpretiert. Mir ging es zu jenem Zeitpunkt eher darum, dass im Falle größerer Gemeinsamkeiten eine eigene Ausarbeitung nicht mehr sinnvoll erschien und ich daher dazu neigte, das Projekt hinzuschmeißen. Auch wurde kritisiert, dass ich meinen Blogpost auf reines Hörensagen hin formuliert hatte, ohne das Abenteuer wirklich zu kennen.

Im Zuge der darauffolgenden Diskussion stellte mir Uli Lindner vom Uhrwerk-Verlag ein Rezensionsexemplar zur Verfügung, damit ich mir ein Bild von der „Seidenen Stadt“ machen konnte. Im Gegenzug bekamen Uli Lindner und Stefan Unteregger ein Vorabexemplar meines Abenteuers, „Die Wandelnde Stadt“, und im Verlauf der letzten Wochen sichteten wir das Material und tauschten uns aus.

Und? Was kam nun dabei heraus? 
In erster Linie die Erkenntnis, dass beide Abenteuer tatsächlich große Ähnlichkeiten aufweisen. Einer meiner zwei damaligen Testspieler, mit denen ich noch einmal Rücksprache hielt, drückte es sinngemäß so aus: Das Raumschiff Enterprise fliegt einmal mit Captain Kirk und – zu ner anderen Zeit an nem anderen Ort – mit Captain Picard durchs Weltall. Beide Schiffe haben die gleiche Mission. Dadurch sind die Schiffe noch lange nicht identisch, aber letztlich ist und bleibt es dennoch eine Iteration des Raumschiffs Enterprise. Und das trifft es eigentlich ganz gut.

Im Detail gibt es natürlich Unterschiede. Ein Punkt, den ich beispielsweise konkret in meinem Blogpost genannt hatte, stellte sich nach Lektüre der „Seidenen Stadt“ als klares Missverständnis heraus: So reist die „Seidene Stadt“ tatsächlich nicht AUF der Seidenstraße, sondern auf einer normalen Straße. Die „Seidenstraße“ ist in Splittermond ein Mondpfad und dient lediglich als Anreiseoption für den Abenteuereinstieg. Auch werden die Städte zwar ähnlich aber mit unterschiedlichen Hilfsmitteln errichtet; die Seidene Stadt erblüht durch den massiven Einsatz von Magie, die eine Süßwasserquelle in der Stadtmitte erzeugt, während die Wandelnde Stadt im archaischen Rakshazar komplett ohne Magie auskommen muss.

Zusammengefasst war es sowohl für mich, als auch für Uli Lindner nach dem Sichten des jeweils anderen Abenteuers auch gar kein Thema mehr DASS sich die Abenteuer ähneln, sondern WIE es dazu überhaupt kommen konnte, dass so große Ähnlichkeiten bestehen. Bei allen Unterschieden im Detail blieben ein ähnliches Konzept; identische Grundprämisse; Fernostsetting; jeweils eine „Lebende Göttin“, die Tribut fordert; Kintora/Kintai; Seidenstraße; „Wandelnde Stadt“ sogar wortwörtlich als Begriff; Geheimpolizei/Wachtruppe; Konkurrierende Handelshäuser; Attentatspläne auf die bestehende Ordnung; Anordnung der Stadtteile bzw Aufbau der Stadt usw. usf. Wie war so eine Ähnlichkeit überhaupt möglich, nachdem der Verdacht des Ideenklaus schnell ausgeräumt war?

Auf Spurensuche
Recht schnell wurde klar, was geschehen sein musste, bzw. auch nicht: Namensähnlichkeiten beruhen natürlich auf uralten Vorbildern; im Fall vom rakshazarischen Kintora natürlich das hyborische Kithai; ebenfalls mit Seidenstraße und Co. Immerhin ist Rakshazar vom alten Conan-Setting eines Robert E. Howard inspiriert, aber auch später wurden viele Dinge dieser „Urfantasy“ häufiger aufgegriffen, bis irgendwann keiner mehr wusste, wo der Anfang gemacht wurde und wer alles recycled hat. Zur „Lebenden Göttin“ und ihren Tributforderungen griff Stefan Unteregger übrigens auf Setzungen des Splittermond-Worldbuildings aus dem Jahr 2012 zurück; nahm also bereits erstellte und behandelte Vorlagen als Settinggrundlage für sein Abenteuer. Damals wurden diese Konzepte nichtöffentlich von der SpliMo-Redax festgelegt und zwar lange vor der Erstveröffentlichung der rakshazarischen „Wandelnden Stadt“ im Jahr 2013 (im Abenteuerband „Auf blutigen Pfaden“). Dass jemand einen versteckten Rakshazar-Forenthread aus dem Jahr 2007 (mit den ersten Ausarbeitungen für die Wandelnde Stadt) als Vorbild für eine Splittermond-Weltbeschreibung verwendet, ist ebenso abwegig.

Die restlichen Details, wie der Stadtaufbau, folgten historischen oder logischen Ableitungen: Ein Tempel steht nunmal in der Mitte einer Stadt; noch heute bilden Kirchtürme das Zentrum einer Innenstadt. Und rund um den Kirchturm befindet sich in der Regel der Marktplatz. Handwerker und Händler sind traditionell im Süden ansässig, um möglichst lange von einer gleichmäßigen Sonneneinstrahlung zu profitieren; Vergnügungsviertel und Wohnviertel sind nach Westen ausgerichtet; weil man nach Feierabend noch so lang wie möglich Sonnenlicht haben möchte. Und das Verwaltungs- und Herrscherviertel ist aus ganz ähnlichen Gründen im Osten untergebracht, da man insbesondere in alten Kulturen mit dem Sonnenaufgang auch göttliche Macht und Legitimation begründete. Und die Zwischenhalte? Nun, religiös motivierte Prozessionen oder Pilgerfahrten laufen stets in Stationen ab, egal ob auf dem Weg nach Santiago di Compostela, Mekka oder Kintora. Ebenfalls alles kalter Kaffee. Und alle drei Jahre, ist das auch ein Zufall? Die Drei ist eine uralte göttliche Zahl; sei es die Dreifaltigkeit im Christentum oder die drei Lebensalter (Jungfer, Mutter, Greisin) in heidnischen Kulten. Die Drei spielt in vielen Religionen und Kulten eine Rolle.
Auch in anderen Details setzen sich die logischen Herleitungen fort: Ein autokratischer Machtapparat braucht eine Geheimpolizei bzw. einen Spitzelapparat, um in Machiavellis Sinne Kontrolle auszuüben. Und auch Rebellen oder Putschisten sind popkultureller Alltag. Die gibt es von Star Wars bis Game of Thrones. Dass all diese historischen und popkulturellen Referenzen in einem religiös und ökonomisch motivierten Pilgerzirkus hineinspielen, ist also keine Überraschung und auch kein Zufall. Vor allem dann nicht, wenn beide Autoren entsprechend belesen bzw. in den entsprechenden Gebieten studiert sind.

Was hingegen Zufall ist – und da sind wir uns alle einig – ist die Existenz zweier ähnlicher Abenteuer, deren Autoren, Testspieler oder Umfeld nachweislich nichts miteinander zu tun haben konnten. Uli Lindner drückte es so aus, dass man die Ähnlichkeiten als lustig oder interessant hätte verbuchen können, wären die Umstände zu Beginn anders gewesen. (Mit den „Umständen“ ist mein eeeetwas undiplomatischer ursprünglicher Blogpost gemeint. 😉 )

Zusammengefasst: Sowohl Uli als auch ich sehen im Grundsetting ganz klare Ähnlichkeiten. Selbst in Details gäbe es laut Uli „erstaunliche Parallelen“ und dieser Einschätzung schließe ich mich nach Lesen der „Seidenen Stadt“ an. Tatsächlich sind hierbei noch mehr Übereinstimmungen zu Tage getreten, als ich im ursprünglichen Blogpost gemutmaßt hatte. Gleichwohl halten wir beide deutlich fest, dass es mindestens genauso viele Abweichungen bei anderen Details gibt. Daher sind wir uns abschließend einig, dass eine vorsätzliche, absichtliche Ähnlichkeit auf beiden Seiten ausgeschlossen werden kann. Beide Seiten kannten die Ausarbeitung des jeweils anderen nicht; konnten sie teilweise gar nicht kennen. Die „Wandelnde Stadt“ und die „Seidene Stadt“ sind Ergebnisse einer kuriosen Parallelentwicklung.

Clickbait, Rants & Barbareien
Zum Schluss möchte ich doch noch einmal ein paar klärende Worte zu den „Umständen“ verlieren, die die Sache hier etwas eskalieren ließen. Wie ich bereits im Splittermond-Forum erklärte, ist dieser Blog hier nicht auf Ausgeglichenheit, Objektivität und Kuschelkurs ausgerichtet, sondern auf Subjektivität, Emotionalität und barbarische Polemiken. Und am schönsten wird es, wenn’s persönlich oder willkürlich zugeht. Oder, wie es auf meiner Hauptseite warnend heißt: „Was du hier übrigens nicht finden wirst, sind ausgewogene und sachlich-objektive Erörterungen“.
Die neun Leute, die meinen Blog verfolgen, wissen das und haben ihn vermutlich gerade deshalb abonniert. Die 600 empörten Splittermondfans hingegen, die binnen weniger Stunden hier (nicht zum ersten Mal) aufschlugen, wissen das natürlich nicht und für die mochte jeder zweite Satz wie ein Schlag ins Gesicht wirken. Unabhängig vom Inhalt möchte ich auch hier noch einmal klarstellen, dass ich in diesem Blog eine gewisse „barbarische Perspektive“ einnehme und als roten Faden verfolge und dass so ziemlich jedes Setting mal sein Fett wegbekommt, auch (oder gerade!) wenn ich es heiß und innig liebe. Ich habe mich ja schon mehrfach als Splittermondfan geoutet und das hat sich auch nicht geändert. 😉

So. Und was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Tag?
Die ganze Angelegenheit hatte auch etwas Gutes: Der Bekanntheit der „Seidenen Stadt“ dürfte das Skandälchen (irgendein Forentroll bei den Blutschwertern sprach sogar vom „Hashtag Splimogate“…) nicht geschadet haben und auch ich konnte mich aufraffen, mein Abenteuer doch noch fertig zu stellen und nicht beleidigt in den Papierkorb zu stopfen. 😉

Deshalb beenden wir „Splimogate“ mal hochoffiziell mit drei guten Neuigkeiten:

  1. Hier habe ich für euch eine Rezension zur „Seidenen Stadt“ verfasst.

  2. Hier gibt es Infos und den Link zur „Wandelnden Stadt“, die ab sofort als Download erhältlich ist. Selbstverständlich wieder komplett gratis, wie alles von Rakshazar.

  3. Und nicht zuletzt habe ich mit der „Seidenen Stadt“ nun unbeabsichtigt ein passendes Abenteuer gefunden, um das pädagogische Splittermond-Sommerferienprojekt in unserem Rollenspielverein vorzubereiten. Das AB ist definitiv Teenager-geeignet und die Splittermond-Einsteigerbox ist mit den zig haptischen Elementen „brettspielhafter“ als die olle Konkurrenz mit den drei Buchstaben, also war die Entscheidung letztlich ein No Brainer. Wie die Kids sich im Juli auf dem Weg nach Senrai so anstellen, darüber wird dann natürlich hier im Blog ausführlich berichtet. ;)PS: Den Kauf der Printversion hab ich übrigens nachgeholt, ich sagte ja bereits, dass ich nix geschenkt haben will. Und für Gonzo im SpliMo-Forum schieße ich gern ein Beweisfoto mit Herzchen drauf. 😉

So, Feierabend hier! Dann mal weiterhin angenehmes Herumwandeln, allerseits.

Barbarische Grüße
Thorus aka Raphael

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6 Kommentare zu “A Tale of Two Cities: Erklärung zur Seidenen/Wandelnden Stadt

  1. Ich finde es enorm beruhigend, dass so alles einen guten Abschluss genommen hat. Vielen Dank für deine Mühe!

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  2. Geralt von Riva sagt:

    Es ist schön, daß sich hier alles aufgeklärt hat. Guter Abschluss ja! 🙂 Und einige der Kommentatoren die dem Blogger schlimme Dinge vorgeworfen haben sind plötzlich ganz still, nachdem sich alle einig sind, daß die Abenteuer tatsächlich sehr ähnlich sind – auch wenn zum glück alles Zufall war. Trotzdem schad, oder? Erst richtet man den Blogger hin und dann stellt sich raus, daß er im grunde gar net so unrecht hatte. 🙂
    Um noch was weiteres versöhnlcihes beizusteuern: Beide Abenteuer sind übrigens wirklich dufte. Gerade mal über die wandelnde Stadt geguckt. Muss sich echt nicht verstecken.

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  3. Cordovan sagt:

    Ziemlich verspätet hier auch mal mein Senf, wie an anderer Stelle schon bei Facebook: Bin erst durch den damaligen Disput auf beide Abenteuer aufmerksam geworden. Hab nun beide Abenteuer mit Genuss gelesen und zwar in umgekehrter Reihenfolge. Erst Deins, dann das von Splittermond. Und was Deinen ersten Artikel betrifft, hast Du völlig Recht: Ohne die Aufklärung, in diesem Blog hier, hätte man denken können, Du hast beim Splittermond abgekupfert. Und zwar extrem. Fand das von Dir auch nicht halb so vorwürfig, wie die Trabantenjünger das sehen. Ja, der Titel des Blogs war Mist. Hast Du ja selbst schon gesagt. Aber für Außenstehende ist der erste Blog völlig schlüssig was Du dazu gesagt hast. Besonders wenn man Dein AB gelsen hat. Da können sich die Uhrwerker jetzt an die eigene Nase fassen, die erst losgeschrien haben und dann kleinlaut zugeben mussten, daß Du wegen dieser Ähnlichkeiten recht hast. Finds auch gut, daß das jetzt im Guten geklärt ist und keiner vom anderen Werk gewusst hat.

    Weshalb ich eigentlcih schreibe ist, daß Du gemeint hast, Du würdest deinen Text zur Verfügung stellen, wenn jemand dazu DSA-Regeln schreiben will. Hätte ich große Lust, weil Dein AB es auch verdient hat, denn ich finde es sogar noch besser als das andere, obwohl das auch schon super ist. Ich kenn mich aber nur bei 4.1 aus. Wenn Du magst, meld Dich mal per Mail.

    Und zuletzt noch ein Inhaltsfehler: Du hast im AB geschrieben, daß die Helden bei den Augen der Lath im Dienst von Kara Jioschpa (Teruldan) gestanden wären. Sie waren aber für den Sultan von Shahanna (Arkamin) unterwegs in die Wüste Lath. Haben das Abenteuer neulich angefangen haben und da bin ich sofort drüber gestolpert.

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