Ein leiser Rant auf Pokemon und Augmented Reality: Entgrenzt, entgleist, entglitten.

Heute hörte ich die aktuelle Ausgabe des DORPCAST mit Michael Mingers und Thomas Michalski. Normalerweise ist mir das keine Kolumne wert; die beiden liefern jedes Mal großartig ab und sprechen mir oftmals aus der Seele. (Mal der Michael, mal der Thomas) Beim Hören komme ich regelmäßig auf tolle Ideen oder Inspirationen und ich muss sagen, dass viele Rollenspielabende (und die Arbeit an Rollenspielprojekten) durch die eine oder andere Ausgabe des DORPCAST positiv beeinflusst wurden. Auch heute gab es wieder so eine Inspiration – ungewöhnlicherweise bereits in der Medienschau. Die beiden Herren tauschten sich über Pokemon GO aus. Was ich besonders interessant fand: Beide gingen mit dem Thema ziemlich positiv um, was mich ehrlich gesagt etwas überraschte, denn der DORPCAST hat die Angewohnheit Themen und Gegenstände mitunter sehr differenziert zu betrachten und  die Hörerschaft unaufgefordert und unbewusst bei erhellenden Perspektivenwechseln mitzunehmen. Vielleicht war es ganz gut so, dass dies heute nicht in größerem Umfang geschah, denn letztlich war dies der Auslöser des folgenden Gegrummels.
Mittlerweile hat sich zwischenzeitlich so ziemlich jede und jeder zum Hype um Pokemon zu Wort gemeldet, so dass ich nicht ins immergleiche Horn stoßen wollte. Doch manche Gedanken zur Augmented Reality harren noch auf Mitteilung und sie nagen seit Wochen an mir. Einige Textelemente lagen schon seit einiger Zeit herum und warteten nur auf einen geeigneten Moment. Da isser. Danke, DORPCAST!

Es war Januar 2014, da gehörte ich zuletzt zur digitalen Avantgarde. Ein vergleichbares Empfinden traf mich davor zuletzt am 23. Mai 2008. Damals erschien das MMO Age of Conan, was für den Rakshazarer in mir natürlich ein unvermeidbarer Pflichtkauf war. Es wurde beworben als politisch-inkorrektes, archaisch-brutales 3rd Person Action MMO, das obendrein in seiner Darstellung nackter Tatsachen durch und durch europäisch war und ganz bewusst ab 18 beworben wurde. Holy Shit, die Entwickler hatten sogar zu Beginn gewagt weibliche SCs schwächer (!) zu machen als männliche; ein schäbig-genialer Marketingcoup, der dem Game etwas bescherte, was erst Jahre später unter dem inflationären Begriff des Shitstorm bekannt werden sollte. Nachdem selbst seriöse Blätter wütend oder begeistert berichteten, stieg der Hype dieses Skandalspiels ins Unermessliche: Am 23. Mai, morgens, wurde AoC als der absolute World of Warcraft-Killer gehandelt. Am 23. Mai, abends, nicht mehr.

AoC war ein durch künstliche Skandale aufgeblähtes, unfertiges Stück Rollenspielschrott, das allen Spielern nun einen langen, inklusiven Testmonat eingebrockt hatte, in dem man sich verbissen durch ein verbuggtes Desaster kämpfte, um irgendwie vor sich selbst zu rechtfertigen, dafür Geld hingelegt zu haben. Vom unfassbar großartigen (!) Soundtrack abgesehen, nahm ich eine Einsicht aus dem Debakel mit: Avantgarde bedeutet in erster Linie Stress. Immer. Ich schwor mir: Nie wieder Release! Nie wieder Hypetrain! Später wartete ich über ein Jahr, bis ich mich an Guild Wars 2 wagte. Die Warterei hat sich bezahlt gemacht; ich spiele GW2 bis heute. 

Das zweite Mal wurde ich, um auf meine Einführung zurückzukommen, im Jahr 2014, unfreiwillig avantgardistisch. Ich hatte das Augmented Reality Spiel Ingress entdeckt. Nein, es geht nicht um einen französischen Maler, sondern um Aliens und ihre Exotic Matter. Bei Ingress schließen wir uns einer von zwei Fraktionen an und laufen mit gezücktem Smartphone durch die Gegend unserer heimatlichen Straßen, hacken und erobern in einer Art Capture the Flag-Modus sogenannte Portale und verbinden diese zu größeren Feldern, um Punkte für unsere Seite zu gewinnen. Bei den Portalen handelt es sich um besondere Wegmarken (Denkmäler, Bauwerke usw.), die wir zuvor mit unseren Handykameras fotografiert und an Niantic, das Betreiberunternehmen, übermittelt haben.
Bei allem, was wir damals in Team Blau (Resistance) oder Team Grün (Enlightened) taten; wenn wir in Gruppen oder auf riesigen Treffen miteinander spielten, fragten wir uns: Womit verdient Niantic eigentlich Geld? Es gab keine Werbeeinblendungen; das Spiel selbst wurde nicht übermäßig beworben und es gab auch keine Mikrotransaktionen.

Die Frage klärte sich in diesem Jahr (2016) auf. Sie brauchten nicht unser Geld. Sie brauchten unsere Daten. Wir alle wurden missbraucht. Als weltweite Schäfchen, die brav Fotos und GPS-Daten an Niantic sandten. Daten, aus denen später Pokemon GO entstehen sollte und das mit haufenweise Mikrotansaktionen den Kids das Taschengeld abziehen sollte. Well played, Niantic… Well played. Ich fühle mich schmutzig und benutzt.
Und installierte Pokemon GO.

Denn was ist schon dagegen einzuwenden, dass wir wohlstandsgenährten Millenials auf die Straße gehen, um unserem BMI mittels Gamification den Kampf anzusagen? Ich gebe zu: Pokemon GO ist ein wahrer Segen. Nicht nur für den Aktienkurs von Nintendo, sondern auch für unsere Gesundheit und unsere Social Skills. Wir treffen echte Menschen. Neue Leute. In unserer Freizeit. Und das völlig ohne Vereinsmeierei oder Organisation; Niantic spricht unseren modernen Lebensstil an: Unverbindlichkeit, Individualität, Freiheit. Entweder wir gehen auf die Straße, fangen Taubsis und machen XP, oder wir bleiben auf der Couch und tun uns die Ruhe an. Ohne feste Verabredungen und Verbindlichkeiten. Wie angenehm!

Doch etwas anderes bereitet mir große Sorgen: Die Augmented Reality als solches. AR bedeutet nichts anderes, als eine Erweiterung unserer Sinne, unserer Wahrnehmungen und damit unserer tatsächlichen Lebens- und Erfahrungswelt. Ob du Ingress spielst oder nicht; quer durch dein Wohnzimmer zieht sich ein Feld; vor deinem Fenster steht ein Portal und XM (Exotic Matter) schwirrt unter deiner Bettdecke herum. In deinem Vorgarten sitzt ein Rattfratz und in deiner Hängematte liegt ein Pummeluff. Du kannst dich dem Quatsch verweigern und die virtuellen Tatsachen können dir völlig egal sein – den Handyjüngern unter deinem Fenster jedoch nicht. Egal, ob du in Mexiko wohnst, in Nordkorea, oder am Nordpol: Die „erweiterte Realität“ ist nicht auszusperren; sie ist überall. Und im Gegensatz zu ebenfalls unbeeindruckten Radiowellen, Funksignalen oder sonstigen Datenübertragungen im Äther, die passiv von einem Empfänger rezipiert werden können, wird die erweiterte Realität aktiv von in ihr „lebenden“ Spielern/Usern genutzt UND beeinflusst. Und das ist sowohl eine spannende Sache, als auch ein massives philosophisches und praktisches Problem.

Wieso? Nun, wenn wir uns einen geographischen Raum vorstellen, nehmen wir meine Geburtsstadt Iserlohn, so ist jene Stadt zunächst mal ein historisch gewachsenes Konstrukt, errichtet von Leuten, die aus welchen Gründen auch immer (zumeist Handel, Flussnähe, Rohstoffe) hier zusammen leben wollten oder mussten. Die Örtlichkeit ist durch Bedingungen der „tatsächlichen Wirklichkeit“ definiert. (Ich nenne diese Wirklichkeit mal rollenspieltypisch real life) In dieser Stadt wurden irgendwann Regeln erforderlich, die das friedliche Zusammenleben ermöglichten. Diese Regeln mögen in einem begrenzten Raum gegolten haben; heute sind es Gesetze, die das Zusammenleben durch „Begrenzung“ ermöglichen. Das alte Prinzip des „was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu“ ist die erste Einsicht, die zur Schließung eines Vertrags führen kann (nicht von ungefähr verwandt mit: sich vertragen). Verträge und Gesetze regeln das komplette Zusammenleben und Handeln in einem zeitlichen und/oder geographischen Raum und zwischen verschiedenen Personen; dem sogenannten Geltungsbereich. Es gibt viele von ihnen. Oftmals überlappen sie sich sogar. Das ist meistens kein Problem. Im besten Falle sind sie übereinandergestülpt wie russische Matruschkas. Fangen wir bei der kleinsten Matruschka an. Nehmen wir ein Haus: Man zieht die Tür hinter sich zu und die böse Welt kann draußen bleiben. Das ist die private Ebene. Das Haus steht auf dem Grund der Beispielstadt Iserlohn. Das ist die kommunale Ebene. Iserlohn liegt in einem Verwaltungskreis, dem Märkischen Kreis, ein Teil des schönen Sauerlands. Die regionale Ebene. Iserlohn liegt im Bundesland NRW. Die Landesebene. Und NRW gehört zur Bundesrepublik Deutschland. Die Bundesebene. Die BRD ist ein Mitgliedsstaat der EU und einer von 194 Staaten der Vereinten Nationen. Die internationale Ebene. Zwischen allen Ebenen befinden sich Membranen, durch die Informationen, Personen, Waren uvm. gelangen können, oder auch nicht. Je dünner eine solche Membran ist (Grenzen zwischen deutschen Bundesländern), umso mehr geht durch. Je dicker sie ist, desto undurchdringlicher ist sie (der historische Eiserne Vorhang). All diesen Grenzen ist gemein, dass sie festgelegte Definitions- und Geltungsbereiche sind. Auf der Bundesebene der BRD gilt der Geltungsbereich des Grundgesetzes. Auf einer Nachbarebene, nehmen wir Frankreich, befindet sich der Geltungsbereich der Französischen Verfassung. Eingrenzungen können – im Fall von Schurkenstaaten – etwas sehr negatives bis tödliches sein; im Fall von föderalen Staaten oder Gebieten mit Freizügigkeit, wie der EU, etwas zumeist positives.

Die Augmented Reality jedoch, unterwandert all diese Grenzen (und damit meine ich nicht nur physische Grenzen, sondern wie oben erklärt auch Gesetze und Verträge) und zwar ohne Unterschied. Nicht durch Tunnelbau oder gar Gewalteinwirkung. AR zerstört sie nicht, AR stellt sie nicht in Frage; AR ignoriert sie einfach. Ihre Existenz wird belanglos. Nicht im Sinne von: Diese Grenze existiert nicht!, sondern, in den Worten eines bekannten Duisburgers: Is mir scheißegal, wer dein Vater ist, solang ich hier angel, läuft niemand übers Wasser!
Im Sinne eines utopischen friedlichen Miteinanders ist die Überwindung von Grenzen, die ja immer auch ausgrenzen, mit Sicherheit etwas erstrebenswertes.
Doch was passiert, wenn wir beginnen die erweiterte Realität (AR) über der tatsächlichen Realität (RL) anzusiedeln? Was, wenn diese plötzlich wichtiger, und echter wird? Und was geschieht mit den Eingrenzungen, die uns und unsere individuellen Rechte schützen? Die erweiterte Realität liegt nämlich nicht in den Händen einer politisch partizipierenden, demokratisch verfassten Wahlbevölkerung innerhalb eines zeitlich und geographisch begrenzten Gesellschaftsabschnitts, mit all seinen Checks and Balances, die gegen Machtmissbrauch greifen. Die AR liegt allein in den Händen des Publishers und Providers; unsere individuellen Rechte geben wir nach (traditionellen Nichtlesen und) Bestätigen einer EULA quasi vollumfänglich ab und unterwerfen uns damit den Regeln desjenigen, der diese Realität zur Verfügung stellt.  Und selbst wenn auf dem Markt zahlreiche unterschiedliche Parallelrealitäten (Apps) um unsere Gunst konkurrieren: Die Betriebssysteme, mit denen der Eintritt in eine solche Welt ermöglicht werden, sind bereits heute rar! Wir haben Windows, iOS und Android, die allesamt ungefähr gleich funktionieren.

Nur um das einmal gegenüber zu stellen:
Staaten auf der Erde, mit individuellen Regeln, Gesetzen und Verträgen: 194.
Smartphone-Betriebssysteme, mit weitgehend identischen Funktionsumfang: 3.

Ein weiteres AR-Beispiel, hierzulande noch unbekannter als Ingress, treibt die Parallel-Realität noch weiter: Landlord, eine Monopoly-App, lässt uns echte Firmen und Betriebe in unserer Stadt kaufen, ausbauen und verkaufen. Landlord basiert u.a. auf Daten der Restaurant-App Foursquare. Das Spiel macht uns zu Immobilientycoons in der Kaffeepause. Landlord beschränkt sich nicht auf die Ingress/Pokemon-Denkmäler und -Landmarken, die im öffentlichen Raum stehen, sondern auf Privatbetriebe und teilweise sogar Privatwohnungen und/oder Wirkungs- oder Werkstätten echter Personen. Landlord bietet Mikrotransaktionen an, mit denen wir Immobilien und Betriebe „kaufen“ können, um sie in der AR zu besitzen und Mieteinnahmen zu erzielen.

Auf den ersten Blick kein Problem, oder? Doch nehmen wir an, ich würde im real life einen Laden besitzen; nehmen wir ferner an, es handele sich um eine Buchhandlung. Nennen wir sie Thorus‘ Rumpelkiste. In der AR des Spiels Landlord hat ein User die Buchhandlung Thorus‘ Rumpelkiste mit der Ingamewährung erworben und besitzt sie nun. Der Wert der Immobilie speist sich aus nur dem Publisher zur Verfügung stehenden Daten; man vermutet, dass Facebook- und/oder Foursquare Nutzer, oder Bereitsteller anderer Apps die an jenen Orten eingeloggten Smartphones registrieren und daraus die Frequentierung des Orts ablesen und im Spiel einen Wert beimessen können. Wie gesagt: Die Immobilienwerte resultieren laut Publisher auf echten Daten von Foursquare und Facebook, die vor Ort registriert werden und sie variieren auch, je nach Wochentag, Tageszeit oder Jahreszeit. WELCHE Daten das genau sind und WIE sie ermittelt werden, darüber schweigt sich der Publisher Reality Games aus. Fest steht: Die Daten und Werte sind tatsächlich halbwegs realistisch. Dennoch muss man sich als real life-Inhaber die Frage stellen, warum das eigene Café zum Ramschpreis gehandelt wird und das des Nachbarn eine Million wert ist. In meiner Stadt sind die Aral-Tankstellen bei Landlord übrigens durchweg mehr wert, als die Shell-Tankstellen. Und spätestens hier wird ein weiteres Problem offenbar: Dadurch, dass nur Reality Games das Geheimnis um die Wertigkeit einer Immobilie kennt (oder womöglich sogar willkürlich festlegt) überträgt sich die Wertigkeit eines Betriebs natürlich auch auf den Spieler, der mit den Objekten handelt. Das Café A, das im Spiel nix wert ist, wird jawohl aus einem Grund nichts wert sein, könnte man denken. Das mag bei einem unbekannten AR-Spiel wie Landlord noch kein größeres Problem zu sein, doch zeigt es recht anschaulich, WOHIN die Gamifizierung in den Händen eines undurchsichtigen Anbieters führen kann.

Doch zurück zum User, der das virtuelle Gegenstück meiner Buchhandlung im Spiel gekauft hat. Der User verwendet nun Mikrotransaktionen, um die Buchhandlung auszubauen und die Mieteinnahmen des Objekts weiter zu erhöhen. Dies zwingt andere Mitspieler natürlich zum Gegensteuern und ihrerseitigen Echtgeldeinsatz. Was heißt das? Meine virtuelle Buchhandlung kann gehandelt werden. Es kann mit ihr spekuliert werden. Sie kann ge- und verkauft werden und immer ist tatsächliches Geld im Spiel; das allein der Publisher abgreift. Es existiert also von diesem Zeitpunkt an ein virtuelles Abbild MEINER Buchhandlung, mit dem spekuliert und gehandelt wird und mit dem ECHTES Geld verdient wird. Um das zu unterbinden müsste ich zunächst wissen, dass es ein solches Spiel überhaupt gibt und sich womöglich rufschädigend oder -begünstigend auswirkt. Denn es kann ja auch einen ungeahnten Werbeeffekt mitbringen! Dann müsste ich dennoch selbst mitspielen und alles dran setzen, um MEINE Buchhandlung auch in der AR zu kontrollieren, um absurderweise ein Anrecht auf etwas zu haben, was mir im real life bereits gehört.

Und hier sind wir – nach langer Einleitung – am Pudels Kern eingetroffen: Kann und wird vielleicht mal die AR wichtiger und richtiger sein, als die wahre Welt? Kann der Moment eintreten, an denen eine virtuelle Handlung und/oder der Besitz eines Objekts ähnlich wertig ist, wie die selbe Sache im real life? Das sind keine Fragen, denen wir uns in einer fernen Zukunft stellen müssten. Denn teilweise ist das schon so! Landlord enthält beispielsweise Geschäfte, die längst pleite und geschlossen sind. Eine Kneipe meiner Heimatstadt wird noch bei Landlord gehandelt; ist aber im RL schon seit drei Jahren geschlossen. Die Kneipe lebt quasi als als virtueller Schatten fort. Doch wie virtuell und unecht ist etwas, mit dem heute, drei Jahre nach Schließung, reales Geld verdient wird? Und vom Handel mit Waffenskins in CS:Go (Counterstrike) müssen wir gar nicht erst anfangen; da sind viele virtuelle Waffen teilweise teurer, als ihre real life Gegenstücke. Und bei Star Citizen, einem Spiel, das zur Zeit noch nicht mal existiert, aber auf das vor allem Virtual-Reality-Fans sehnsüchtig warten, gehen virtuelle Raumschiffe für zigtausende Dollar über die Ladentheke.

Aber gehen wir fort, von Monopoly, Pokemon und Co: Was heute eine Spielerei ist, kann in nicht allzu ferner Zukunft die Realität nicht nur ignorieren (wie die Funkwellen die Grenzen) sondern – wenn wir nicht aufpassen – sogar ersetzen. So, wie die Kaufkraft unseres Bargelds vorhanden ist, weil wir allesamt die marktwirtschaftliche Spielregel akzeptiert haben, dass dieses Geld etwas wert ist (obwohl der aufgedruckte Nennwert weder dem Materialwert noch Herstellungswert zusammen entspricht), so funktionieren Grenzen und Besitz im klassischen Sinne nur so lange, wie die meisten Menschen bereit sind die Regeln, die einst zu Verträgen und Gesetzen führten zu akzeptieren.

Pokemon-Trainer, die über Zäune steigen; sich auf Militärgelände verirren oder der Typ, der das virtuelle Abbild meiner (fiktiven) Buchhandlung besitzt oder das Ingress-Portal unter meinem Balkon (das ich damals selbst eingereicht habe) und was nun als Pokearena die Kids der ganzen Nachbarschaft bis in die späte Nacht anlockt, sind heutzutage nichts als putzige Newsmeldungen in der Rubrik Kurioses jeder Tageszeitung. Und selbst wenn der Typ denkt, die Buchhandlung würde ihm wirklich gehören und der Nachbarsjunge mir böse Blicke zuwirft, weil ich mit einem ausgemaxten Ibitak die Arena besetzt halte, ist das noch kein Grund zur Sorge. Sobald aber der Zeitpunkt kommt, wo mit meiner virtuellen Buchhandlung mehr Kohle gescheffelt wird, als ich mit dem Original in einem Jahr erwirtschaften könnte, haben wir als Gesellschaft ein ziemliches Problem.

Die Vorboten sehen wir bereits heute. Und ich bin eigentlich immer der erste, der auf den neuen heißen Scheiß abfährt und ihn als erster ausprobiert. Aber so wie ich 2014 dachte: WTF? Wieso kostet dieses Ingress nix?, nur um hinterher festzustellen, dass ich unbewusst als Steigbügelhalter der AR-Revolution missbraucht wurde, damit irgendwo ein glücklicher Aktionär Cola in den Schampuss kippt, so denke ich heute, dass – angesichts einer immer chaotischeren und unsicher werdenden weltpolitischen Lage – immer mehr Menschen in AR- und VR-Welten getrieben und gezogen werden. Und ja, auch ich gehöre zu jenen Menschen; ich bin schließlich ein Phantast und Weltenbauer! Doch machen wir uns klar, dass wir mit AR- und VR Welten betreten werden, die wir nicht wie ein Pen and Paper-Rollenspiel betreten oder verlassen können, indem wir das Regelbuch zuklappen und uns für ne Woche verabschieden. Wenn wir allesamt AR und VR akzeptieren, akzeptieren wir auch stillschweigend die Regeln dieser Parallel-Realitäten, die ihre Legitimation und ihre Wertigkeit allein aus der Akzeptanz ihrer User speisen. Und diese Realitäten sind nicht durch unsere langweiligen PolitikerInnen; Parteiengezänk; Gerichtsurteile oder prophylaktische Erziehung und Schulbildung einzudämmen; nicht durch unsere Regeln, Gesetze und Vereinbarungen des Zusammenlebens. Diese Realität liegt nicht in den Händen von Parlamenten, Gerichten und (im besten Sinne) eingrenzenden Verträgen. Mehr noch: Unsere Individualität, unser Einfluss, unser Menschsein wird beim Betreten einer Parallel-Realität resettet. Wir fangen bei Null an. Wie in jedem Rollenspiel. Was für ein Spiel stets eine tolle Motivation ist (Leveling), bedeutet in einer echten und akzeptierten Parallelrealität, dass wir, zumindest zu Beginn, wertlos; eine Null sind.

Und ich mag empfindlich sein oder mit 32 Jahren bereits gedanklich vergreist; doch ich denke, dass Orte, seien sie virtuell oder nicht, wo der Mensch tatsächlich zeitweilig entwertet wird und wo der Schutz realweltlicher Rechte (Stichwort Menschenrechte) eine geringere Akzeptanz erfahren als die Allgemeinen Geschäftsbedingungen, kein erstrebenswertes Ziel sind.

Und nein, es ist nicht dasselbe wie beim LARP. Auch beim LARP schlüpfen wir „nur“ in eine Rolle, in einen Spielercharakter, in einen Avatar, der dann durch eine reale Umgebung abseits des Computers oder Pen and Paper Spieltisches läuft. Bei Spielen wie Pokemon, Ingress oder Landlord spielen wir aber KEINEN Avatar, sondern uns selbst. Spieler und Spielfigur sind deckungsgleich. Das ist JETZT noch spielerisch und spannend, aber wir befinden uns durch den ungeheuren Erfolg der AR (und bald auch VR) auf einem Weg, an dessen Ende der klassische SC, der Avatar, die Rolle, in der heutigen Ausbreitung verschwunden sein wird.

Lasst uns achtsam, wachsam und unbequem bleiben. Freuen wir uns, wenn die Verbraucherzentrale Publisher verklagt. Freuen wir uns, wenn gewalttätige Pokemon-Trainer auf den Boden der Tatsachen zurück geholt werden oder Gewerbetreibende auf Löschung ihres Ladens aus Spielen wie Landlord beharren.
Halten wir kritische Distanz zu Herstellern und Bereitstellern von AR und VR; ohne unsere grundsätzliche Faszination und Zukunftsfreude zu verlieren, die diese neuen Dinge auch für uns als Rollenspieler bereithalten. Lasst uns AR und VR genießen. Das sind tolle technische Errungenschaften. Aber lasst uns laut und widerspenstig werden, wenn jemand versucht, uns spielerisch vom Menschen zum User zu machen.

 

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Ein Kommentar zu “Ein leiser Rant auf Pokemon und Augmented Reality: Entgrenzt, entgleist, entglitten.

  1. John Doe sagt:

    Ein sehr interessanter Artikel mit einer Menge wichtiger Überlegungen. Im Grunde kann ich mich deiner Einschäzung so anschließen.

    Zwei Punkte sind mir dann aber doch eingefallen, die vll abfedern könnten, dass ein AR-System mittelfristig zu mächtig wird.
    Zum einen unterliegt die digitale Welt, wie wohl kaum ein anderer Bereich, starken Hypes. Ich kann mich noch erinnern, dass bei Stern-TV vor ein paar Jahren „Second Life“ als das Massenphänomen vorgestellt wurde. Es kam auch ein User zu Wort, der sagte, er könne dort als DJ schon fast für den realen Lebensunterhalt seiner Familie sorgen. Heute ist das „Spiel“ bestenfalls Sparte. Oder nehmen wir die Social Media-Plattformen: Zu meiner Schulzeit war erst MySpace das heiße Ding, später StudiVZ. Beide sind heute in Grunde bedeutungslos. Was ich damit sagen möchte ist, dass selten einmal ein digitales Produkt, das im weitesten Sinne auf Internetcommunity beruht, sich als der Hecht im Karpfenteich etablieren kann (Facebook und Youtube sind z.Z. so welche). Sprich, egal wie beliebt etwas kurzzeitig scheint, die Chance ist groß, dass den Leuten langweilig wird und schnell etwas neues finden.

    Damit mit stark verquickt ist, dass jetzt es wahrscheinlich bald ein Überangebot an anderen AR-Spielen geben wird. Jetzt wo alle gesehen haben, wie erfolgreich „Pokémon Go“ ist, will bestimmt bald jeder die AR-Sau durchs AR-Dorf treiben. Bald gibt es bestimmt eine ganze Menge Spiele, auch die sich die Leute zersplitten. „Pokémon Go“ hat dank starker Lizenz eine hohe Anziehungskraft, andere werden weniger Glück haben.

    Ich denke diese beiden Mechanismen könnten etwas abfedern, was du (zu recht) zu bedenken gibst.

    Und eine Kleinigkeit noch:
    „Unsere Individualität, unser Einfluss, unser Menschsein wird beim Betreten einer Parallel-Realität resettet. Wir fangen bei Null an.“

    Na, ja, leider nicht wirklich. Geld ist ja letztlich immer mit im Spiel und so kann man sich sehr schnell Vorteile in der AR verschaffen. Sprich wenn das AR-System die Möglichkeiten bieten (und letztlich tun sie das ja fast alle) und die Leute das Geld auch ausgeben wollen, dann kann sich sehr schnell die gleiche soziale Ungleichheit einstellen, wie in der wirklichen Welt.

    Wie gesagt ein schöner Artikel zu einem spannenden Thema

    Grüße
    John Doe

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