Wie wir Lestat die Axt in den Nacken hauen. V20: Gejagte Jäger

Kommen wir zur letzten Rezension im Rahmen der deutschen V20. Und die muss kurz ausfallen, da ich sonst zunächst ins Schwärmen und damit ins Schwafeln komme. Denn die V20 hat ihren heimlichen Höhepunkt. Und der heißt Die Gejagten Jäger II. Der dritte Hintergrundband, der die Crowdfunding-Kampagne abrundete, beschäftigt sich mit den sterblichen Antagonisten der Vampire. Vampirjägern!

Das Buch zählt 184 Seiten und ist damit auch das umfangreichste der drei Zusatzbände. Das Werk beginnt mit einem Einführungskapitel von stolzen 30 Seiten, in denen wir sozusagen Inplay an unsere Rolle als Vampirjäger herangeführt werden. Somit wird gleich die Stoßrichtung von Gejagte Jäger definiert: Denn das Buch ist zunächst aus der Perspektive der Sterblichen und für die Sterblichen verfasst. Als langjähriger Vampire-Spieler fühlt man sich alsbald in der Rolle des prächtig unterhaltenden Voyeurs versetzt, wenn man hier erstmals damit konfrontiert wird, was ein Veteranenjäger dem Nachwuchs über uns Blutsauger zu berichten weiß. Denn vieles von dem, was wir auf den 30 Seiten lesen ist zwar ganz nah dran an der innerweltlichen Realität, vieles zaubert uns aber auch ein breites Grinsen aufs Gesicht, wenn der Alte uns Dinge andichtet, die uns angeblich besonders verletzen sollen oder uns zuwider sind. Verdammt. Hab ich gerade „uns“ gesagt? Ja. Denn wir ertappen uns tatsächlich dabei, wie wir uns ein Stück weit in unsere vertraute Vampirrolle hineinversetzen und plötzlich mit Denkfehlern konfrontiert werden – oder von unserer eigenen Arroganz gegenüber den Menschen überrascht sind. Das ganze funktioniert HERRLICH – ein wundervoller und faszinierender Ansatz, um ein solches Werk einzuleiten; man kann es kaum weglegen.

Die Folgekapitel dienen u.a. der Charaktererschaffung eines Jägers, nicht ohne eine Menge Plotaufhänger einzubauen oder in kurzen Exkursen Verhalten, Motivation und Vorgehensweisen zu erläutern. Sogar auf digitale Fußabdrücke, Teamwork und das Erstellen eines Jägergruppencodex‘ geht man ein; denn schließlich kann man seinen Mitjägern genauso wenig trauen, wie dem übermächtigen Feind. Wie geht man mit Verrat um? Kann man eigentlich eine Vampirjagd planen? Wie findet man Gleichgesinnte? Wie findet man eigentlich Vampire? Und warum tut man sich den ganzen Mist überhaupt an? Wie spielen popkulturelle Referenzen wie Anne Rice, Buffy und Dexter mit unserer Paranoia? Sind solche Bücher, Filme und Serien heimliche Warnungen und Anleitungen von Gleichgesinnten? Ist der gegenwärtige popkulturelle Overkill mit Vampirkram vielleicht sogar eine bewusste falsche Fährte von IHNEN?? Mit anderen Worten: Hat die Camarilla Twilight finanziert?? Mit jeder Frage wird man als Leser paranoider und spinnt neue Gedankengänge. Und diese Fragen und Exkurse durchziehen das gesamte Buch. Nochmal verdammt! Ich WILL jetzt tatsächlich einen Vampirjäger bei Vampire: Masquerade spielen, (und ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sagen würde…)

Ein weiteres Kapitel widmet sich den sogenannten Numina. Dies sind – kurz und knapp – die Disziplinen der Menschen. Übersinnliche Kräfte oder Scharlatanereien, um den Blutsaugern auch auf der metaphysischen Ebene etwas entgegen setzen zu können. Wie alles im Werk ist auch dieser Abschnitt optional. Wer sich mit Pflock und Fackel dem Schrecken entgegenstellen möchte, kann das genauso versuchen, wie mit Cyberattacken oder Unterwanderung.

Ein umfangreiches Kapitel stellt die einzelnen Jagdgruppen und Organisationen vor, wie die altbekannte Leopoldsgesellschaft. Unnötig zu erwähnen, dass auch hier die Spielleitung ein Fundus an Ideen und konkreten Szenariovorschlägen um die Ohren gehauen bekommt. Wie reagiert die Mafia auf die Vampire? Was stellen Skinheads und Bikerbanden mit denen an? Oder, halt… Was ist, wenn die Unterwelt von IHNEN kontrolliert wird? Und was haben die CIA und die Illuminaten damit zu tun?

Und als wäre das alles noch nicht genug, gibt es sogar ein eigenes Kapitel, das uns noch mehr spannende Hintergründe präsentiert und eine Chronik organisieren lässt. Haarklein werden wir durch mögliche Szenarien geführt, die als Aufhänger einer Jägerchronik dienen können.
Vom Präludium, über die erste Begegnung mit den Blutsaugern, bis hin zum Erstellen und Durchführen eines Jagdplans, wurde an alle Eventualitäten; an List und Verrat und zwischenmenschliche Abgründe gedacht. Wahnsinn. Der Epilog ist erneut stimmungsvoll aus Inplay-Sicht beschrieben und knüpft an das Einführungskapitel an.

Den Abschluss bildet eine Sammlung von Beispielcharakteren. Im Gegensatz zu Kinder der Revolution wurden hier die Spielwerte nicht im Fließtext eingebaut, sondern ganzseitige Charakterbögen zur Verfügung gestellt. Sowas hätte ich mir für Kinder der Revolution gewünscht; hier ist es eine Selbstverständlichkeit. Toll.
Als allerletztes finden wir den Charakterbogen für Jagdcharaktere als Blanko-Kopiervorlage.

Das Buch kommt übrigens – wie alle Bücher der V20 – mit teils hervorragenden Illustrationen und einer perfekten Verarbeitungsqualität daher. Die Texte gehören zum Besten, was wir in dieser Edition lesen durften und kein Vergleich mit einigen Holprigkeiten in Kinder der Revolution oder auch im Hauptbuch. Auch hier haben die deutschen Übersetzer und Lektoren anständige Arbeit geleistet.

Als Grundlage der Rezension dienten die Deluxe-Ausgabe sowie die PDF-Version. Die Deluxe-Version kostet im Laden 54,95 €, die Hardcover-Ausgabe 39,95 € und die PDF-Version schlägt mit 19,99 € zu Buche.

Fazit
Gejagte Jäger II ist der Showstealer der deutschen V20. Ein wundervolles Buch, das ich kaum aus der Hand legen konnte. Der Inplaycharakter erinnerte mich an das bis heute unübertroffene Engel-Bestiarium „Traumsaat“ und zog mich unwiderstehlich mitten ins Setting. Ist das Ganze 40 oder sogar 55 Euro wert? Definitiv, denn Gejagte Jäger II ist eines der besten Vampire: Masquerade Bücher, die jemals erschienen sind!

Barbarische Bewertung: (10/10)
In seltener Eintracht können sich 10 von 10 Barbaren auf dieses Buch als absolutes Highlight der V20 einigen.
Ich spreche eine uneingeschränkte Kaufempfehlung aus!

Zweite Meinung gefällig?
Infernal Teddy hat sich bei „Neue Abenteuer“ ebenfalls das Buch vorgeknöpft und kommt zu einer etwas kritischeren Meinung, auch in Bezug auf die deutsche Übersetzung. Teddy kritisiert insbesondere den Aufbau des Bandes und dass alles etwas „kreuz und quer“ geht, hält es aber dennoch für eine „wunderbare Ideensammlung“.
Die ausführliche Rezension lest ihr hier.

Bildquelle:
Die Gejagten Jäger II, S. 92. Verwendung im Rahmen von Rezensionszwecken

Die V20 von Ulisses – Überblick & Fazit

Lange hat es gedauert, nun ist die Nacht zurück! Vampire: Die Maskerade ist in der Jubiläumsausgabe (V20) in Deutschland erschienen. Nicht nur in der PDF-Variante, die ich nun seit einigen Wochen nach und nach rezensiere, sondern endlich auch in der lang ersehnten Totholzausgabe.

Beim Crowdfunding haben meine Frau und ich Ulisses als „Ahnen“ unterstützt. Das bedeutet, dass wir für 240 € Vertrauensvorschuss die folgenden Bücher und Dankeschöns erhalten haben. Ein Klick auf das jeweilige Werk führt dich zu meinen entsprechenden Rezensionen; die Einzelwertungen befinden sich in Klammern:
Vampire: Die Maskerade Jubiläumsausgabe (7/10) Das Grundregelwerk
V20 Kompendium (9/10) Ergänzungsband
V20 Die gejagten Jäger II (10/10) Hintergrundband
V20 Kinder der Revolution (7/10) Hintergrundband
V20 Staub zu Staub (6/10 bzw. 8/10) Abenteuerband
V20 Spielleiterschirm + SAS-Leitfaden
Artbook (Softcover) zu Kinder der Revolution

Die vier Hardcoverbände sind in der Deluxe-Version, das heißt, dass sie in einem aufwendigen und bedruckten Kunstledereinband mit Silberschnitt daherkommen. Obendrauf gibt es die PDF-Versionen all dieser Werke.

Die Hardcoverbände sehen nicht nur fantastisch aus, sie fühlen sich auch genauso an. Die Prägung ist hochwertig und detailverliebt. Leider hat unser Grundregelwerk einen ärgerlichen Transportschaden davon getragen; womöglich ist auch beim Aufkleben des „V20 Buttons“ am Buchrücken etwas schiefgelaufen. Eine Buchecke kam völlig eingematscht bei uns an. Schön: Ulisses‘ Crowdfunding Beauftragter André Wiesler hat umgehend Ersatz zugesichert. An dieser Stelle mal ein grundsätzliches Lob für die gesamte Crowdfunding Betreuung. Im zugehörigen Blog konnte man erahnen, dass sich André nicht weniger als ein Bein ausgerissen hat, im Lizenzkuddelmuddel mit Onyx Path.

Die Softcover sind, nun ja, der geschenkte Gaul. Während Staub zu Staub stabil und gut verarbeitet ist, handelt es sich bei Die Kunst der Kinder der Revolution um ein Produkt billigster Machart. Es hat keine Pappdeckel, sondern besteht aus normalem Magazinpapier, wie man es von Zeitschriften kennt. Gerade aus einem Artbook hätte man so viel mehr machen können, vor allem, weil es im Inneren (wie der Rest der Bücher) wunderschön designed und gestaltet wurde. Ja, es ist ein kostenloses Dankeschön gewesen, aber hier hätte man sich etwas mehr Mühe geben dürfen. Der SAS-Leitfaden (Storytelling-Leitfaden) erklärt auf wenigen schwarzweißen Seiten im DIN A5-Format, was man bei einem Blick auf den SAS-Stempel eines Produkts sowieso schon weiß (Anforderungen an Spieler, Kurzinhalt) oder als Spielleitung nicht fremd sein sollte („Todsünden des Spielleitens“). Das Heft fällt völlig aus dem Raster, da es obendrein im Vampire: Requiem-Layout daherkommt und auch die Spielbeispiele beziehen sich offensichtlich nicht auf Masquerade. Gut, wie ich schon sagte: Der geschenkte Gaul eben.

Kleinere und größere Makel gibt es ansonsten nicht zu vermelden, sofern man die Bücherkiste als Ganzes betrachtet. Natürlich sind nicht alle Teilbände der ganz große Wurf. Das Kompendium ist inhaltlich höchst umstritten (während ich es super finde) und auch Kinder der Revolution erntet gemischte Reaktionen. Aber es hat auch niemand riesige Überraschungen erwartet, vor allem, wenn man die Originalausgaben kennt. Einzig die Auswahl der nun aufgelegten Werke ist vielleicht diskutabel. Das weithin für super befundene „Anarchs Unbound“ wäre vielleicht die bessere Alternative zu Kinder der Revolution gewesen; das hätte Regeln und Ideen für eigene Revoluzzer gehabt und würde nicht mit einem Buch abgespeist, das uns fertige Charaktere von gemischter Qualität anbietet. Auch das wundervolle „Rites of the Blood“ wäre eine Option gewesen. Oder „Dread Names, Red List“. Man hofft geradezu, dass Ulisses diese drei Bände auch noch verwirklicht, jetzt wo man sieht, was der deutsche Rollenspielverlag auf die Beine stellen kann.

Denn auch die Übersetzungen und das Lektorat sind weitestgehend gelungen, von den unsäglichen Begriffen mal abgesehen, die ich schon im Grundregelbuch mit Punktabzug bedacht habe. (Stichwort „Prinz“ und „Küken“) Andererseits haben die deutschen Übersetzer an einigen Stellen den Karren unglaublich gut aus dem Dreck gezogen, (man erinnere sich an meine Ausführungen zu Kinder der Revolution), so wurden furchtbare Texte immerhin zu erträglichen Texten.

Eine Überraschung gab es hingegen: Gejagte Jäger stach als absoluter Showstealer hervor. Und kostenlose Stretch Goals wie der Spielleiterschirm sind ebenfalls nice to have. Wo Licht ist, ist aber auch immer Schatten… So ist der Schirm ne grundsätzlich feine Sache, wenn man ihn gratis bekommt. Aber 15 € (!!) für dieses Stück Pappe würde ich beispielsweise nicht freiwillig auf die Rollenspieltheke legen. Insgesamt sind die Einzelpreise aller Werke ziemlich happig. Das betrifft vor allem die PDFs und führte in meinen einzelnen Rezensionen bereits zu dem einen oder anderen Abzug.
Hier liegt aber das Deluxe-Komplettpaket für den modebewussten Ahnen vor uns: Beim Kampfpreis von 240 € erübrigt sich jegliche Nörgelei. Wenn man bedenkt, dass allein die einzelne Deluxe-Ausgabe mit satten 125 € Ladenpreis zu Buche schlägt (ohne PDF!), dann können sich die Backer umso mehr freuen. Für mich ist es definitiv eine tolle Erfahrung gewesen, als Unterstützer an Bord zu sein. Und bei zukünftigen Bänden würde ich dementsprechend ohne zu zögern zuschlagen.

Mein Gesamtfazit der gesamten Aktion ist ne klare 9/10.
Eine klare Kaufempfehlung gibt es an alle Fans des Settings.
Wenn du Vampire: Masquerade magst, wirst du diese Edition lieben!

Update vom 30.12.15: Ulisses hat heute angekündigt, dass aufgrund der neuen Lizenzlage die PDFs günstiger angeboten werden können.
Das Regelwerk ist nun für 19,99 € zu haben.

Viva la what? V20: Kinder der Revolution

Der vorletzte Band, den ich im Rahmen der großen V20-Review vorstellen möchte, hat ein wenig „ruhen“ müssen, bevor ich ihn das zweite und dritte Mal in die Hand genommen habe. Eines vorweg: Ich habe mich VERDAMMT schwer damit getan, was die konkrete Verwendbarkeit des Buches betrifft, sowie die Formulierung mancher Texte anbelangt.
Das Buch will sich irgendwie keine große Mühe geben, uns zu gefallen…

Nähern wir uns dem Werk mit einer Aufzählung von Fakten: Kinder der Revolution zählt 134 Seiten und beinhaltet 18 Vampir Charaktere, die den Hintergrund von Vampire: Masquerade auf die Mikroebene fokussieren.
Das verbindende Element, die Revolution, tritt mal stärker und schwächer hervor. Gemeint können die „Klassiker“, wie die Französische Revolution, aber auch Aufstände oder die Anarchenrevolte sein.
Beim ersten Durchscrollen (ich hatte zunächst nur die PDF-Version) fiel mir etwas auf, was mir beim Blättern im Hauptbuch nicht ganz bewusst wurde: „That’s a bunch of white guys!“ Tja, man hat exakt eine Asiatin und einen Afroamerikaner (der zu Lebzeiten Baumwollpflücker in den Südstaaten war…) in den globalen Vampirreigen eingebaut, der Rest stammt zwar teilweise aus antiken Steppenvölkern, wird aber in allerbester Hollywoodmanier „white washed“ dargestellt.
Und anders als im Hauptbuch, das bei Darstellungen der 13 Hauptclans (plus Caitiff im Kompendium) ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis von 7 (weißen) weiblichen zu 7 (weißen) männlichen Charakteren präsentiert, sind die Männer der Revolution mit vier Vertretern in der Überzahl. Das wird einige Menschen stören und mindestens genauso viele überhaupt nicht. Erwähnenswert ist es allemal.

Lässt man die fehlende political correctness außer Acht, stellt sich auch bei der Clansverteilung die eine oder andere Frage nach dem „Warum“.
Bei 18 Charakteren hätte man annehmen können, dass alle 13 Clans abgedeckt würden und man die restlichen fünf mit „Exoten“ oder Blutlinien darstellt. Weit gefehlt. Die Giovanni und Ravnos gehen komplett leer aus, während einige Clans wie die Ventrue, Lasombra, Brujah, Malkavianer und Toreador gleich zweimal bedient werden. Und statt nun beispielsweise die Caitiff reinzubringen bekommen wir eine Kappadozianerin und einen Nagaraja.

Jeder dieser Charaktere wird auf mehreren Seiten, denen stets ein ganzseitiges Artwork vorausgeht, ausführlich vorgestellt. Wir erhalten einen detaillierten Einblick in die Lebensgeschichte der Person und werden in die Lage versetzt die Motive und Gedanken des jeweiligen Charakters nachzuvollziehen. Den Abschluss jeder Beschreibung bildet ein Charakterprofil im Fließtext (wieso nicht auf den schicken Charakterbögen??) mitsamt Werten und Hinweisen zur Darstellung.

Soweit erstmal zu den trockenen Fakten. An genau diesem Punkt war ich nach dem ersten Durchscrollen und Querlesen sowohl verwirrt als auch leicht enttäuscht und ziemlich ratlos, wann und wie ich die Informationen aus diesem Buch verwenden könnte.
Ich beschloss den Text ruhen zu lassen und auf die Lieferung der Deluxe-Bände zu warten, um mich an einem ruhigen Abend, bei einer Tasse Tee, noch einmal mit dem Werk zu beschäftigen.

Und das sollte sich als Glücksfall erweisen, denn KdR ist an vielen Stellen ein kleines Juwel. Einige der Biographien strotzen so vor intelligenten und stimmungsvollen Ideen, dass diese problemlos in eigenen Chroniken verbaut werden können. Auch die Optik schlägt noch einmal eine goldene Brücke zwischen der Intention des Autors und dem Kopfkino des Rezipienten: Kein Wunder, dass die Crowdfunding-Backer ein Begleitheft geschenkt bekommen haben, das Einblicke in die Entstehung der Artworks und Illustrationen bietet. Diese sind nämlich durchweg unglaublich gut und machen das Blättern in diesem Werk zu einer wahren Freude. Auch hier scheint man den Weg fortführen zu wollen, den man mit dem Kompendium eingeschlagen hat: Wir dürfen den Machern neugierig über die Schultern schauen.

Nichtsdestotrotz muss ich kritisch anmerken, dass sich die Biographien in ihrer Qualität DEUTLICH unterscheiden. Während einige Charaktere uns mit solider Standardkost versorgen (die Blockupy Aktivistin Lizette Cordoba oder den Ostblock-Revoluzzer Jaromir Cerny, sowie die durch die französische Revolution geprägte Laurette Morel), gibt es einige echte Rohrkrepierer, wie den Ventrue Andrew Seneca. Dieser hat den vermeintlich interessanten Twist, dass er als befreiter Sklave selbst Sklaven gehalten – und damit vom System profitiert hat. Laut Begleitband hat man ihn tatsächlich nur deshalb zum Afroamerikaner gemacht, da ein generischer weißer Südstaatler zu unspektakulär gewesen wäre…
Absoluter Tiefpunkt: der Nagaraja (ich musste tatsächlich erstmal nachschlagen, was das überhaupt ist) Roderigo al-Dhakil. Äh, nur soviel: Der Sabbat war mal organisiert und progressiv. Dann kam al-Dhakil und verwandelte ihn in die heute bekannte Ansammlung aus Blut, Wahnsinn und Chaos. Richtig gehört: Die gesamte Ausrichtung des Sabbat wurde angeblich von diesem Typen beeinflusst. Äh… NEIN!?! Ganz bestimmt nicht in meiner Chronik, ihr Nüsse!
Und dann haben wir noch völlig langweilige Charas wie Colm Oliver. Ich könnte jetzt witzeln, dass man im Grundbuch nach „stinknormaler Brujah“ suchen müsste, um ein Bild von ihm zu finden. Und hey, da ist ja wirklich eines von ihm! Man hat hier einfach um das Brujah-Artwork aus dem Grundbuch einen Chara gestrickt. Kann man machen, tut auch nicht weh. Was hingegen weh tut: Wegen eines solchen Typen müssen wir in KdR auf nen Ravnos oder Giovanni verzichten. Und dann packt man das altbekannte Bild auch noch aufs Cover? Wieso, nur, wieso?? Da wäre beispielsweise Lizette Cordoba, die weiter oben diese Rezension ziert, deutlich stimmungsvoller gewesen, als ein wild ballernder Brujah. Bäh!

Auf der positiven Seite stehen erinnerungswürdige Charaktere wie Lady Willoughby, die eine FANTASTISCHE Backgroundstory haben…
…die aber leider GRAUSAM geschrieben ist!
Bei Charakteren wie dieser umtriebigen Tremere Aristokratin müssen die armen Übersetzer wutschnaubend in ihre Schreibtische gebissen haben. Sie haben hier wirklich noch das Beste aus völlig abstrusen (und im rhetorischen Stil einer elfjährigen Tagebuchschreiberin zusammengeschusterten) satzähnlichen Konstruktionen herausgeholt. Wirklich! Wer den Originaltext kennt, der kann vor den fleißigen Übersetzern bei Feder & Schwert nur sämtliche Hüte ziehen.
Und schließlich, als vierte Qualitätskategorie, die angesprochenen Juwelen. Hier passt ausnahmsweise mal (fast) alles. Hintergrund, Abwechslung, stilsichere Formulierungsweise, Twists und Verwendbarkeit in der eigenen Chronik.

Als Beispiel ist hier die ehemalige Piratin Esperanza Luzifer zu nennen. Auf den ersten Blick löst dieser Charakter verstärktes Stirnrunzeln aus, doch schaffen es die Autoren meiner Meinung nach die Story rechtzeitig zu drehen, bevor es allzu abstrus wird. Teilzeithelden-Chef Roger Lewin ist im letzten Punkt fundamental anderer Meinung: „Wei­ter­blät­tern. Schnell. Eine Lasombra-Piratin, die eine Legende ist und sich wie eine ver­hält. Groß­flä­chi­ger Mary-Sue-Charakter in der schlimms­ten Interpretation.“

Zugegeben, der Name ist für die Tonne und sollte tunlichst aus einer halbwegs ernsthaften Chronik rausgehalten werden. Aber mit ihr hat eine Chronik eine ziemlich abgefahrene Antagonistin. Erinnert ihr euch noch an die malkavianischen Zwillinge aus dem Spiel Vampire: Bloodlines? Esperanza könnte ihre Lasombra-Cousine sein. Hier wird tatsächlich mal an der Gothic Punk Schraube gedreht; dieses Selbstverständnis von Vampire: Masquerade kommt im restlichen Werk leider definitiv zu kurz.

Zuletzt ist noch die Nosferatu Mary-Ann Fletcher im Kopf geblieben, die mit dem legendären Gun Powder Plot zu tun hatte. Eigentlich der einzige Chara, bei dem einfach alles zusammen passt. Beschreibung, Artwork, Hintergrund und mögliche Verwertbarkeit in einer eigenen Chronik machen sie – kurz vor Lady Willoughby – zu meiner Favoritin.

Was haben wir also, unterm Strich, für unser Geld bekommen?
Achtzehn qualitativ höchst unterschiedliche Biographien, haufenweise Ideen und durchweg gelungene Artworks.
Muss man dieses Buch haben? Definitiv nicht, vor allem mit Blick auf die unterschiedlichen Preise. Die mir vorliegende Deluxe-Version mit zwei Lesebändchen und Kunstledereinband ist für 49,95 € zu haben.
Die gewöhnliche Hardcovervariante schlägt mit 34,95 € zu Buche und die PDF-Version immerhin noch mit 17,99 €.

Auch hier würde ich es liebend gerne so halten, dass ich den Crowdfunding-Kontext mit berücksichtige. Als Backer habe ich die Deluxeausgabe sehr viel günstiger erhalten und obendrein die PDF-Version, sowie den exklusiven Begleitband „Enstehung der Kunst der Kinder der Revolution“ kostenlos dazu bekommen. Aber, huih… 18 Euro allein für die PDF! Da ist die Schmerzgrenze wirklich überschritten…

Barbarische Bewertung: (7/10)
Ein Barbar entdeckt seine politische Korrektheit und wird von den anderen als Weichei erschlagen.
Ein weiterer kann nur vom sehr guten Übersetzer davon abgehalten werden, sich ob mancher Formulierungen von einer Klippe zu stürzen.
Der dritte fällt von eben jener Klippe, da ihm von den inhaltlichen Qualitätsschwankungen ganz schwindlig geworden ist.
Und der vierte hat vergessen das Crowdfunding zu unterstützen und sich totgeärgert, als er den Preis gesehen hat. Bleiben 7 von 10 Barbaren, die das Werk weiter empfehlen. (Originalausgabe: 6 von 10)

Zweite Meinung gefällig?
Die „Teilzeithelden“ haben ebenfalls eine Rezension für euch. 
Wertung: Durchschnitt.
Fazit: „[…] Wer NSCs sucht und deren Werte, kann sich deut­lich bes­ser an die diver­sen … bei Nacht/by Night–Quel­len­bü­cher hal­ten. Abge­se­hen davon ist das Buch so wenig ver­wert­bar, dass es ein­fach zu teuer ist, hüb­sches Art­work hin oder her.“

Dritte Meinung gefällig?
Infernal Teddy hat bei „Neue Abenteuer“ ebenfalls KdR rezensiert. 
Fazit: „Wer dieses Buch als Teil seiner Stretchgoals beim Crowdfunding der deutschen V20 bekommen hat soll sich freuen, was den Rest von euch da draußen angeht: wenn ihr nicht unbedingt ein Buch mit übermächtigen NSCs braucht könnt ihr dieses Buch im Regal stehen lassen. Es lohnt sich nicht wirklich.“

Die V20 im Überblick
Einen Überblick und ein Fazit zu allen Printausgaben der deutschen V20-Veröffentlichungen habe ich hier für euch.

Bildquelle:
Meine Kamera und ich.