Was noch gesagt werden muss… Das V20: Kompendium

Einen Überblick über die deutschen Ausgaben der V20 erhaltet ihr hier.

Ein weiteres Werk aus der Ulisses-Crowdfunding Reihe zur Vampire: The Masquerade 20th Anniversary Edition (V20) ist das schmucke Kompendium, das auf schlanken, durchweg farbigen 82 Seiten das Setting vertieft und erweitert. Es richtet sich inhaltlich an SpielerInnen und Spielleitungen gleichermaßen. Die Optik sticht positiv hervor, ich gehe sogar so weit zu sagen, dass sie noch einen Funken besser ist als im Grundregelwerk; allerdings kann man auf weniger Seiten auch weniger falsch machen. Digitale Artworks wechseln sich mit alten und neuen Illustrationen ab. Höhepunkt ist das Coverbild (siehe oben), Tiefpunkt der künstlerische Totalausfall auf Seite 76. Umso ärgerlicher, dass Käufer der Print-Ausgabe in der Deluxe-Version das tolle Cover gar nicht zu sehen bekommen. (Hier ist einer. Grmpf.) Bei den Gejagten Jägern und den Kindern der Revolution hat man daran gedacht, das Cover noch einmal auf der ersten Innenseite zu wiederholen, da man ja ansonsten „nur“ den schicken Ledereinband hat. Unabhängig davon wirken aber alle Innenillustrationen sehr stimmungsvoll und ansprechend.

Bevor wir auf Inhaltliches zu sprechen kommen, fällt zunächst eine Sache positiv auf. Das Vorgehen der Autoren, sich Zeit zu nehmen für Erklärungen setzt sich mit dem Kompendium fort. Bereits in meiner Rezension zum Grundregelwerk habe ich positiv angemerkt, dass es vorteilhaft ist, wenn man in Entwicklungsprozesse, Referenzen und Inspirationen Einblicke erhält und die Autoren Zeit haben ihre Gedanken darzulegen. Das Kompendium geht noch einen Schritt weiter: Es lässt uns bereits in der Einleitung dem Autoren über die Schulter schauen, wir nehmen also wie in einer Art „Making of“ am Entstehungsprozess des Werkes teil. Abgerundet wird diese Vorgehensweise durch einen großzügigen Anhang mit dem Titel „Was der Schere zum Opfer fiel“. Die eigentlichen Kapitel sind frei von editorischen Anmerkungen, aber auch hier merkt man dem Werk an, dass nichts mit der heißen Nadel gestrickt wurde und alles wohldurchdacht und aufeinander abgestimmt ist.

Kapitel 1 präsentiert uns ausführlich die Titel innerhalb der vampirischen Gesellschaft. Vorgestellt werden übliche Bezeichnungen innerhalb aller Sekten mitsamt Erklärungen. Vieles nimmt dabei Bezug auf die entsprechenden Texte im Grundregelwerk, doch hier erhält die Spielleitung zusätzliche Anregungen, wie sich Titel und Status innerhalb einer Chronik einsetzen lassen und wie sie sich als Werkzeuge instrumentalisieren lassen. Der Verfasser schreibt in der Einleitung, dass hier zunächst angedacht war die Titel mit regellastigem Crunch zu unterfüttern; die Fans aber lieber erzählerischem Fluff den Vorzug gaben. Die richtige Entscheidung, wie ich finde, denn das macht den Inhalt deutlich flexibler und individueller verwendbar. Toll: Die Regelsysteme sind nicht etwa vollständig rausgeflogen, sondern haben ihren Weg in den Anhang gefunden, so dass auch Regelfüchse auf ihre Kosten kommen.
Etwas ungewöhnlich mutet zuletzt die Doppelseite zu den Caitiff an, die auf den ersten Blick etwas in der Luft zu hängen scheint, auf den zweiten Blick aber den negativen Titel „Caitiff“ ergänzt, wobei auch gleich klar gemacht wird, dass Caitiff zwei Bedeutungen hat. Einmal den Status als Außgestoßener und einmal als Außenstehender („Clansloser“).

Kapitel 2 führt uns in die Welt der Gefallen und Günste ein. Die Überschrift „Eine Hand wäscht die andere“ fasst das System gut zusammen. Hier fällt erneut die ungeheure SL-Freundlichkeit der V20 auf. Informationen werden nicht einfach nur vorgesetzt, sondern konkret mit Einsatzmöglichkeiten innerhalb einer Chronik ergänzt. Auch hier geht man auf unterschiedliche Verwendungs- und Betrachtungsmöglichkeiten ein. Sind Gefallen eine nicht-monetäre Währung innerhalb der Gesellschaft? Eine eigene soziale Kunstform womöglich? Oder harte, kapitalistische Investition? Die Diskurse zur Thematik werden nachvollziehbar und interessant aufbereitet; einmal mehr spürt man, dass dieses Kompendium das Ergebnis vieler Debatten und Rücksprachen mit den Fans ist.

Kapitel 3 ist der Glanz- und Höhepunkt des Buchs. Vampire und Technik. Erstmals werden uns die Einflüsse neuer Medien und modernster Technologie auf die Gesellschaft der Vampire präsentiert. Wie funktioniert die Maskerade in Zeiten von YouTube? Wie kann ein Pariser Prinz ein Mitglied seiner Domäne bestrafen, wenn es in Chicago sitzt und sich über Facebook negativ ihm gegenüber geäußert hat? Was sind geographische Domänen überhaupt noch wert, wo jeder Vampir innerhalb von 24 Stunden an jedem Ort der Welt sein kann? Was unternehmen die Ahnen gegen die Netzwerke der Jüngeren und gegen „virtuelle Domänen“? Und wieso ist es auf manchem Toreadorempfang ein gesellschaftlicher Fauxpas, wenn man mit dem Vorgängermodell des aktuellen iPhones erscheint?  Das Kapitel liefert Erklärungsansätze, Szenarioideen und Einblicke in das vampirische Leben im Angesicht einer digitalisierten Welt. „Unleben online“, wie es in einer Teilüberschrift so schön heißt.
Dieses Kapitel ist ein MUSS für jede Chronik der Gegenwart und rechtfertigt allein schon den Kauf des Buchs.

Kapitel 4 stellt uns zahlreiche Schauplätze des weltweiten vampirischen Treibens vor und liefert damit erneut zahllose Storyaufhänger und Ideen, um unsere Chronik zu schmücken. Wir bekommen feste Örtlichkeiten, wie die Katakomben von Paris präsentiert, ebenso wie „mobile“ Locations wie den Succubus Club. Die Grande Masquerade, jene große LIVE-Convention in New Orleans, hat ihren Weg nicht in den offiziellen Kanon gefunden, da sie laut Aussage des Verfassers zwar sehr stimmungsvoll sei, letztlich aber nicht sehr lore-freundlich. Dennoch hat es das Event in der „Stadt der Vampire“ ins Kompendium geschafft, nämlich in den Anhang, der das Werk gelungen abrundet.

Fazit:
Das Kompendium ist ein absolut essentielles Begleitwerk für die V20 und jeden Cent wert. Auch das Lektorat ist gelungen; die Übersetzungen hatte ich bereits in der Rezension zum Grundregelwerk kritisiert; ich werde daher nicht jedes einzelne Produkt in diesem Punkt abwerten. Persönlich hätte ich mir aber gewünscht, dass man die Regeln für Blutlinien und Ghule in das Kompendium auslagert. Thematisch hätte es irgendwie besser gepasst und das Grundregelwerk zu einer runden (und vor allem leichteren) Sache gemacht. Auch die Übersetzung des Titels ist ein wenig irreführend. Ein „Kompendium“ ist ein kurz gefasstes Nachschlagewerk oder Fachbuch. Die englische Originalausgabe nennt sich „Companion“ – und darunter versteht man ein Begleitbuch. Letztere Bezeichnung passt tatsächlich besser zum vorliegenden Werk, das nur in Kombination mit dem Grundregelwerk gewertet werden sollte und nicht einzeln.

Barbarische Bewertung: (10/10) Abwertung: (9/10)
10 von 10 begeisterten Barbaren haben einen Schrein gebaut, dieses Buch reingestellt und verehren es nun als „Gottheit des guten Beispiels dafür, wie ein Rollenspielwerk zu sein hat“.

Nachtrag, 26.08.2015
In allem Überschwang habe ich ein wichtiges Detail übersehen. Die 12,99 € beziehen sich auf die PDF-Version, die Hardcoverausgabe in der normalen Version wird einen Ladenpreis von 24,95 € haben. Die Deluxe-Fassung gibt es für 34,95 € und verzichtet – wie bereits erwähnt – komplett auf das tolle Cover. Das ist – trotz Vollfarbe und Hochglanzhardcover – natürlich ein stolzer Preis. In diesem Falle stellen nur 9 von 10 Barbaren ihr Buch in den Schrein. Der zehnte bleibt bei der PDF-Ausgabe. 😉

Zweite Meinung gefällig?
Infernal Teddy kommt bei Neue Abenteuer zu einem ähnlichen Fazit.

Bildquelle: Coverbild V20 Kompendium, verwendet im Rahmen von Rezensionszwecken.

 

 

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